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  Der Leser hat das Bild
von Joachim Schmid

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Schlagworte: Bild-Zeitung, citizen journalist, Leser-Reporter

Über die Frage, ob neue Techniken erfunden werden, um vorhandene Bedürfnisse zu befriedigen, oder ob neue Techniken neue Anwendungsmöglichkeiten und in der Folge neue Bedürfnisse nach sich ziehen, lässt sich trefflich streiten. Der an dieser Frage sich entzündende Streit erinnert an den unlösbaren Henne-oder-Ei-Disput, doch auch ohne dass die Sache entschieden wäre, lohnt am konkreten Beispiel immer wieder der Versuch, sich zu vergegenwärtigen, wie das Neue in die Welt kommt.

Für eine Kulturtechnik, die ohne die Erfindungen und Entwicklungen von Ingenieuren nicht existierte (und die damit vom technisch-industriellen System so abhängig ist wie ein Kokser vom Coca-Bauern), ist es entscheidend, ob die von der Industrie zur Verfügung gestellten Apparate und Materialien so entwickelt und produziert werden, wie die Anwender das wünschen. Wir wissen, dass das nur für einen kleinen Teil des Spektrums zutrifft, während ein großer Teil der erhältlichen Produkte ihre Existenz eher merkantilen als handwerklichen oder konzeptionellen Erwägungen verdankt. Wir wissen allerdings auch, daß technische Geräte, wenn sie erst einmal erhältlich sind, für Anwendungen genutzt werden, die ihre Hersteller nie im Sinn hatten.

Im Reich der technischen Bilder ist die wohl weitreichendste Entwicklung der Neuzeit die Kombination von Digitalkamera und Mobiltelefon. Zwei Szenarien, wie der Entstehungsprozess abgelaufen sein könnte:

Szenario A - Ansprache des Vorstandsvorsitzenden eines japanischen Elektronikkonzerns an die leitenden Ingenieure: „Unsere Marketingabteilung hat festgestellt, daß ein rapide wachsender Teil der Menschheit ein großes Bedürfnis verspürt, sein schändliches Treiben in jeder Situation im Bild festzuhalten und umgehend an Gleichgesinnte zu übermitteln. Zudem scheinen die Menschen gerne als Hobby-Reporter tätig werden zu wollen, die den alten und neuen Medien möglichst in Echtzeit ihre Erlebnisse und Erkenntnisse zukommen lassen würden, um so dem traditionellen Journalismus in einer Art Revolution kräftig in den
16.11.2006

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