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Wie wird‘s gewesen sein? Wurden Kameras in Telefone eingebaut, weil die Menschheit danach hungerte? Ich tendiere zu Szenario B, auch wenn es im Detail nicht völlig mit dem wirklichen Geschehen übereinstimmen mag. Doch letztlich ist nur von peripherem Interesse, ob japanische Ingenieure mal wieder etwas erfanden, um mit der Novität das Geschäft zu beleben, oder ob ihnen von ihren Marktforschern mitgeteilt wurde, daß die Menschheit ein dringendes Bedürfnis verspüre, immer und überall mit dem Telefon Bilder zu machen. Die Technik ist da und ihr Vorhandensein hat Konsequenzen. Die Menschen machen immer und überall Bilder, wobei sich die Eigenheiten der neuen technischen Möglichkeiten auf die Herstellung wie auf die Zirkulation der Bilder auswirken.

Die Situation ist vergleichbar mit der, in der handliche Kameras entstanden und aufgrund ihrer evidenten Vorzüge schnell populär wurden. Dabei wurde die ursprünglich als nebensächliches Hilfsmittel der Filmindustrie entwickelte Kleinbildkamera zum Schlüssel eines ganz anderen Gebiets, weil kreative Anwender ihr Potential erkannten und nutzten – moderne Foto-Reportage ist also pikanterweise so etwas wie ein Abfallprodukt der Spielfilm-Produktion. Die Idee, dass Arbeiter-Reporter die sowjetische Presse mit Bildern aus dem wirklichen Leben beliefern könnten, wäre ohne diese Technik allenfalls als Phantasterei in die Fußnoten der Pressegeschichte eingegangen. (Ihr Scheitern ist eine andere Geschichte.)

Von der heutigen Verbreitung der neuen Technik – oder im Jargon der Marketingleute: von der Sättigung des Marktes – hätten die Phantasten und Utopisten des frühen zwanzigsten Jahrhunderts wohl kaum zu träumen gewagt. Daß die neue Technik nicht nur zum Fotografieren geeignet ist, sondern auch erlaubt, Fotos umgehend zu versenden und in eine weltumspannende, dezentrale Vertriebsstruktur einzuspeisen, eröffnet Anwendungsmöglichkeiten, die selbst die kühnsten Träume des vergangenen Jahrhunderts übertreffen. Es scheint da nur eine kleine Diskrepanz zwischen den zum Träumen einladenden Möglichkeiten und der gegenwärtigen Praxis zu geben.

16.11.2006

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