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Texte zur zeitgenössischen Fotografie und digitalen Bildkunst
 
   

 
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  Der Leser hat das Bild - Seite 4


Betrachten wir zunächst die erwähnte Presse, die sich in ihrem kaum zu stillenden Hunger nach Bildern täglich Unmengen von Fotografien unterschiedlicher Provenienz einverleibt. Vor wenigen Jahren noch (wenigen Jahrzehnten meinetwegen) wäre kaum denkbar gewesen, dass irgendeine Bildredaktion eines Mainstream-Mediums ein Foto zur Veröffentlichung auswählte, das nicht von einem ordentlich ausgebildeten, professionell arbeitenden Fotografen stammt. Mittlerweile ist es fast schon üblich, aus dem Fernsehen oder aus Überwachungskameras abgegriffene Bilder zu veröffentlichen oder Fotos von Laien, die mit Mobiltelefonen und Digitalkameras minderer Qualität zur rechten Zeit am rechten Ort waren. Die Wahrscheinlichkeit, daß irgend jemand irgendwo mit einer Kamera anwesend ist, ist beim erreichten Grad der Marktsättigung sehr hoch.

Als Anfang Juli vergangenen Jahres in London vier Bomben explodierten, hatten die von Berufs wegen immer bestens informierten Redakteure von Zeitung, Funk und Fernsehen noch keine gesicherte Information über das Geschehen, als die ersten von Augenzeugen aufgenommenen Bilder bereits via Mobiltelefon aus dem Röhren der U-Bahn verschickt und in Blogs veröffentlicht worden waren. Die Beschleunigung der Berichterstattung ist dabei nur das oberflächliche Merkmal eines grundlegenden Wandels des Journalismus. Auf dem Spiel steht das Berichterstattungs-Monopol der Professionellen. Mittlerweile wurde in England die erste Bildagentur gegründet, die sich ausschließlich mit der Vermarktung vermarktungsfähiger Fotos von Laien beschäftigt – „Snap ... Send ... Sell“ (www.scoopt.com).

Das Äquivalent des „citizen journalist“ der englischen Presse ist in Deutschland der „Leser-Reporter“ der Bild-Zeitung. Deren Redaktion war schlau genug, ihre mit der neuen Technik ausgestatteten Leser frühzeitig als Material-Lieferanten einzuspannen. Ein für Laien äußerst lukrativ wirkendes Honorar für jede Veröffentlichung sorgt für unablässigen Nachschub, und der bekannte Kontext sorgt in Tateinheit mit den redaktionellen Richtlinien für Inhalt wie Tendenz. So beschränkt sich die Bild-Produktion der Laien – soweit wir sie zu sehen bekommen – auf das, was wir von Bild erwarten können: Prominenz, Skurrilität, Denunziation und nacktes Fleisch – ein Musterbeispiel erfolgreicher Kanalisierung (Beispiele finden sich im Foto-Blog).

16.11.2006

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