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  Der "Neue Workflow" - Seite 11


Fotografie als „Neues Medium“

Das Phänomen des Foto-Displays lässt sich nicht nur auf die Funktion der Mattscheibe als Ersatz für den Sucher beschränken. Vielmehr gibt es für das Display ausreichende visuelle Vorerfahrungen und die sind uns sehr vertraut: das Fernsehbild und das Display der Video Kamera. Was sich jetzt beim digitalen Fotografieren einstellt, ist das Gefühl, mit dem Auslöser einen Moment aus einem Videofilm herausgeschnitten zu haben, denn erst im Betrachtungsmodus der Kamera wird der Ausschnitt als autonomes Einzelbild erkennbar. Diese visuelle Erfahrung vermischt sich mit der Video-Fotografie, also dem kurzen Video-Film im Video-Modus der Kamera. Aber auch das ist wieder ein mehrschichtiges Phänomen. Einmal gibt es den Clip, also das kurze Videosegment. Mangels Schnitt kann man noch nicht von einem Film sprechen. Auf der anderen Seite gibt es das „bewegte Bild", also ein großes Display an der Wand, auf dem ein Kaminfeuer züngelt oder als Videoinstallation mit einem Gesichtsbild, bei dem die Augenlider klappen und der Atem den Brustkorb hebt.Um das Phänomen noch weiter aufzuschlüsseln, sei noch ein auf Genre des Films verwiesen, der aus Fotografien montiert wird, also abgefilmte Einzelbilder mit Ken-Burns-Effekt - eine gesteuerte Fahrt der Kamera über einzelne Bereiche der Fotografie. Es ist eine klassische Film-Technik, bei der ohne reale Inszenierung filmisch erzählt wird, ein Genre für den Low-Budget-Autorenfilm. Mittlerweile sind diese Fahrten auch als Slideshow im Videofilmformat auf jedem Rechner zu realisieren und sofort als DVD auswerfbar. Dadurch wird auch die aktuelle Animitationstechnik der Videoclips zugänglich. Dieses Format avanciert schnell als ideale Präsentation für den musealen Bereich und die ambitionierte Reportagefotografie. Ein neues Genre scheint geboren zu sein. Auch das klassische Fotobuch ist in den Sog der Neuen Medien gekommen. Zwar tun sich die bekannten Fotobuchverlage schwer, Projekte auf eigenes finanzielles Risiko zu produzieren. Dank Book on Demand und dem Digitaldruck sind aber experimentelle Arbeiten und Künstlerbücher in kleinen Auflagen möglich. Dies hat sehr zur Belebung des Mediums Fotobuch beigetragen. Forciert wird diese Renaissance von Umtriebigen wie dem Fotografen Martin Parr und dem Sammler Manfred Heiting, die das Fotobuch als Sammlerobjekt salonfähig gemacht haben. Dieses Phänomen der seriellen Verwertbarkeit des Einzelbildes stellt das Dogma des „entscheidenden Augenblicks“ in Frage, also die Fähigkeit des Fotografen, im richtigen Moment auszulösen und damit die Situation in einem Einzelbild zu verdichten. Dieses Dogma gilt seit Cartier- Bresson als wesentlicher Bestandteil für herausragende Fotografie, ergänzt durch die Verdichtung durch Bildselektion, also durch die gezielte Reduktion des fotografischen Materials. Die Ambivalenz dieser beiden Welten spiegelt sich in den gescheiterten Versuchen wieder, diese Verdichtung durch die Serie zu ersetzen. Deutlich zeigt sich das am Schicksal des Winders, eines Elektro-Motors unter der Kamera, der im hohen Tempo den Film transportiert. Legendär ist der Sound der alten Nikon-Kameras, der zum Synonym für den hektischen Rhythmus dramatischer Fotoreportagen wurde. Das Denkmodel war simpel: Wie bei einer Schrotflinte hält man auf das Objekt und löst im Serienmodus aus, ein Schuss wird treffen. Tatsächlich ist von diesem Modell nur die ewig schussbereite Kamera übrig geblieben. Bis auf den Sportfotografen „ballert“ niemand mehr. Das visuelle Grundbedürfnis nach dem Einzelbild ist nicht verdrängbar. Denn der Fotograf macht sich immer noch auf die Suche nach dem „einen“ Bild und nicht nach einem Bewegungsablauf. Diese Vorgänge betreffen zwei deutlich andere menschliche Wahrnehmungsebenen. Auch der Betrachter trennt hier scharf, das Einzelbild ist für ihn die meditative Sicht auf die Welt und die Fiktion ihrer Begreifbarkeit. Dies steht im Gegensatz zum bewegten Bild und dessen idealem Präsentationsort, dem Kino. Hier wird der Betrachter im Dunkeln überwältigt.

12.04.2007

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