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  Kunst für alle! Roger M. Buergel, das depressive Bürgertum und die D 12 - Seite 3


ein Wohlfühlprogramm. Der Poesie des Einfachen soll nachgespürt, dem
rosaroten Sonnenuntergang wieder Kunstwert zuerkannt werden.
Verqueres ertrinkt im Meer des Wohlsein-Müssens, und wenn diskutiert
wird, dann darüber, was die Kunst in uns ausgelöst hat. Damit hat
Roger M. Buergel gegen den Konsens der bisherigen elf Documentas
verstoßen, der hieß: einen Überblick über das aktuelle Kunstschaffen
zu geben und nach vorne aufzubrechen.

Buergel ist ein Überzeugungstäter. Endlich darf die Minderheit zur
Mehrheit werden. Das kommt gut an, das wird als Widerstand gegen den
Kunstmarkt und seine Auswüchsen mit Szenenapplaus bedacht. Sogar das
Flaggschiff des depressiven Bürgertums, das Feuilleton der Neuen
Züricher Zeitung, zeigte tiefes Verständnis. Kritik ist von Buergel
von vorneherein antizipiert. Gerwald Rockenschaub Post Punk, David
Goldblatt mahnend, Gerhard Richter Betty 1977, Allan Sekula
Globalisierungsgegner, James Coleman Retake with Evidence, Harvey
Keitel Film, alles wird zu einem zähen Brei vermahlen.

Hat die Findungskommission für die Documenta 12 mit den Buergels
einen schwerwiegenden Fehlgriff gemacht? Nein! Sie folgte dem
Zeitgeist. Und der spiegelt das verunsicherte Bürgertum wieder:
Finanziell geschwächt, eingekreist von Ökonomisierungsfantasien,
verfolgt von den Machtansprüchen der Politik und einer medialen
Öffentlichkeit, die Bildung als Behinderung bewertet. Es wurde die
Notbremse gezogen: Back to the roots - Prinzip „Stadttheater“, auf
sicheren Boden.

Für die Fotografie – wie auch für Video – hat das katastrophale
Folgen. Das Medium wird auf die reine Dokumentation und das
journalistische Erzählen reduziert. Der korrekte Inhalt reicht, um
als Kunst zu avancieren. Als besondere austro-nostalgische Variante
wird die Performance-Fotografie der Hippie- und Underground-Bewegung
der frühen Breschnew Ära (1964 -) präsentiert – jeder Dissident ein
Künstler.
Aber machen wir uns nichts vor, diese Positionen und deren geistigen
Hintergrund finden wir auch alltäglich in den großen Häusern: Ludger
Derenthal im Fotomuseum Berlin mit "Philipp Schönborn: Licht" (2004);
Tobia Bezzola im Kunstmuseum Zürich mit Miroslav Tichy (2005); Heiner
Bastian, “Fragmente zur Melancholie. Bilder aus dem ersten
Jahrhundert der Fotografie“, Neues Museum (2006) und so weiter.

Aber das ist auch ein Zeichen der Krise, aber nicht die Krise der
Künstler, sondern die des Kulturbetriebs und des gesellschaftlichen
Gefüges. Wo Hedge-Fonds-Ereignisse auf dem zweiten Kunstmarkt zu
kulturellen Ereignissen hochgeschrieben werden, Kritiker
Dienstleister des Marktes sind, autistische Kuratorentexte die
Kommunikation mit dem Publikum verweigern, öffentliche Posten als
Lehngüter behandelt werden – um nur einige Positionen zu nennen –,
ist die Frustration des Publikums vorprogrammiert.

Für diesen negativen Befund liefert Klaus Biesenbach, der Übervater
der Kunstwerke Berlin, ein aktuelles Beispiel. In einem Gespräch mit
der Frankfurter Allgemeinen Zeitung unter dem Titel „Verfolgen Sie
die Kunst, Herr Biesenbach?“ (FAZ vom 2.7.07) wurde ihm eine ganze
Seite gewidmet. Nun sollte man ja meinen, dass er auch über die D 12
Tacheles reden würde. Aber nein, ausführlich informiert er uns über
sein Junggesellendasein, seine Methoden, Koffer zu packen, seinen
Abscheu vor den Autos und sonstige privaten Marotten. Als Experte zur

06.08.2007

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