www.fotokritik.de Texte zur zeitgenössischen Fotografie und digitalen Bildkunst |
||||||
| |
||||||
|
Tränen der Rührung - Seite 2 Und damit sind wir beim Thema: das malerische Bild und die Bilderwelt der Fotografie. Es geht in zwei Kritiken von Heinz Ohff um die Erkundungen Richters mit der Fotografie. Schon 1964 schreibt Heinz Ohff lobend über die erste Ausstellung in den Kellerräumen der Frobenstrasse 18: „Dieser Realismus erinnert an den Realismus flimmernder Fernseh–Mattscheiben, an die irrelevante und rasch verblassende Wirklichkeit gestellter Erinnerungsphotos, an die schlechten Drucke eilig hergestellter Reiseführer, kurzum, an jenes Bild, mit dem wir heutzutage am meisten in Berührung kommen, das verwischte, degradierte, zum Massenprodukt entartete Bild. Richter holt es mit kräftigem Zugriff zurück in die Malerei; er kann mit dem Pinsel besser "photographieren" als die meisten Photographen mit dem Photoapparat, er enthüllt und entlarvt.“ Ah, ha! Bitte, wann war das? 1964! Heute, in einer Zeit, in der tief in den Kreativtopf Photoshop gegriffen wird, sind diese Sätze höchst aktuell. Mit der Fastfood-Malerei, dem virtuellen Zeichnen und dem Composing wird im angestammten Revier der Malerei gewildert - open end. Wie der Fototheoretiker Hubertus von Amelunxen jüngst fröhlich verkündete: Die Fotografie ist überall! Vordergründig geht es bei den Ohffschen Texten um den ideologischen Kampfbegriff Realismus/Naturalismus – sozialistisch, kapitalistisch. Tatsächlich war es sein Anliegen, die Aufmerksamkeit auf den medialen Crash zu lenken, der schon in den 60er Jahren seine ganze Wucht entfaltet hatte: die Omnipotenz des fotografischen Bildes und die Unterwanderung des allgemeinen Bildbewusstseins. Heinz Ohff: „Sie (Gerhard Richter) haben ein Bildmedium der Zivilisation zum Anlass genommen, etwas Neues daraus zu machen, ein neues, und diesmal realistisches Bild, das nicht mehr der "komischen Meinung" ist, die Wirklichkeit erschöpfe sich in der gegenständlich sichtbaren Wirklichkeit. Da schwingt schon eher ein bisschen Zeitkritik mit. Ein Großteil unserer photoverseuchten Gegenwart beschränkt sich auf die erschöpfte gegenständliche Wirklichkeit – was für Bilder das sind, zeigt Richter in aller Kraßheit. Und zugleich, im Kunstgriff, verwandelt er sie, schlägt er dem Naturalismus ein Schnippchen, durchbricht er die gegenständliche Fassade, führt er die Photographie ad absurdum – und das will heißen, ins Realistische.“ Eine solitäre Diskussion, die damals die Protagonisten der Fotografie nicht erreichte. Es war die Zeit des Kalten Krieges, die Mauer teilte seit 1961, die Spione kamen aus der Kälte und Otto Steinert erklärte den einzigen ambitionierten Kunstversuch mit Fotografie im Nachkriegs-deutschland mit der Ausstellung „Subjektive III“ für beendet. August Sander erhielt das Bundesverdienstkreuz für sein vor fast dreißg Jahren geschaffenes Werk über die Weimarer Republik. Eine Zeit extremer Gegensätze, zugespitzt im Berlin der vier Alliierten auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges. 25.08.2007 < | 1 | 2 | 3 | 4 | > google english translation Kommentar zu diesem Artikel ins Forum schreiben Email an den Autor Druckversion |
![]() Editorial Autoren Forum Newsletter Mitarbeit Kontakt Impressum |