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  Tränen der Rührung - Seite 4


„Wo es noch "moderner" wird, wird es dann allerdings atembeklemmend. Aus den dreißiger Jahren reichen noch Otto Nagel, der sentimentale Klassenkämpfer ("Das tote Kind") und Ehmsen, der einst der Neuen Sachlichkeit angehörte und heute so scheußliche Monstrositäten wie den "Empfang bei Präsident Ho Chi–Minh" malt, in diese triste Landschaft hinein.“ Es geht dann über den Edel-Kommunisten Heinrich Vogler bis hin zu „KP-Maillol“ Fritz Cremer. Und dann das gequälte Ende: „Der Mißklang wiederholt sich, beinahe noch schmerzlicher, wenn man später über den zugigen "Marx–Engels–Platz“ geht, auf dem die Domruine und das immer noch wie eine Baustelle aussehende Pergamonmuseum dem faden Beton–Prunk des Tribünenaufbaus an der Stelle des alten Stadtschlosses ausgeliefert sind.“ Der „Marx-Engels-Platz“ ist der heutige Schlossplatz und dort, wo die Tribünen für den Vorbeimarsch der Arbeiterklasse auf den Ruinen des Berliner Schlosses errichtet waren, soll demnächst das Humboldt-Forum gebaut werden. Dieser beklemmende Besuch im Jahre 1961 in Ost-Berlin, nur wenige Stationen vom Bahnhof Zoo und der dortigen Galerienszene entfernt, hebt einen Vorhang über ein eigentlich bekanntes Szenarium: Die heutigen Verantwortlichen für die Berliner Museumslandschaft sind Kinder jener Zeit, in der Denken als ideologische Tonnenware gehandelt wurde. Der Wiederaufbau der Museumsinsel ist aus dieser Sicht eine nationale Kulturpflicht, alles weitere - auch das Zeitgenössische – hat zurückzutreten. Aber wo sind die „Ankäufe 1990 bis 2007“ der auf Qualität bedachten Museumsleute? Wo ist die zeitgenössische Fotografie, deren Fehlen ja schon vor 1990 unübersehbar war? Es gibt keine günstigen Nachkäufe auf dem grauen Markt mehr, wie weiland nach 1945, die Preise steigen. Leicht ins Aktuelle gewendet der letzte Satz im Ohffschen Traktat: „Der Trauerflor über dem Haus Jebensstraße 9, in dem seit Jahren das Deutsche Fotomuseum in dem obersten Stockwerk verbannt in kriegsversehrten Räumen fristet, ist das Letzte, was man sieht, wenn man sich in der S–Bahn vom traditionsreichen Bahnhof Zoo in Bewegung setzt, um in Richtung Mitte davonzudonnern.“ Die „Tendenzler“ sind immer noch unter uns.

Zitierte Artikel:
Der Tagesspiegel, 27. November 1964
Eine liberale Generation? Ausstellung von Gerhard Richter

Der Tagesspiegel, 13. Dezember 1966
Der vertauschte Naturalismus. Ausstellung Gerhard Richter – Galerie Block in neuen Räumen

Der Tagesspiegel, 28. März 1961
Halbmast über der National–Galerie.Der Osten zeigt zum hundertsten Jubiläum seine "Neuankäufe seit 1945" – Kunst und Agitation zweiträchtig beieinander

Die vollständigen Artikel sind in der Rubrik "Ikon Archiv" zu finden. Sie stammen aus dem jüngst veröffentlichten Buch: „Lesebuch Heinz Ohff“. Wissen, Erfahrung, Neugier – der Kunstkritiker Heinz Ohff.
Herausgeber Dr. Ekhard Haack + Lothar C. Poll. Info-Press Verlag,
Berlin 2007.

Dank an die Herausgeber für die Überlassung der Texte.


25.08.2007

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