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Heinz Ohff - Kunstkritiker des erloschenen Berlin-West - Seite 4 -------------------------------------------------------------------- Der Tagesspiegel, 13. Dezember 1966 Der vertauschte Naturalismus Ausstellung Gerhard Richter – Galerie Block in neuen Räumen Georg Schmidt, der 1965 verstorbene Basler Kunsthistoriker, war gegen nichts allergischer als gegen den falschen Gebrauch der Worte "Realismus" und "Naturalismus". Er hatte dafür seine Gründe – Schmidt war alles andere als ein pingeliger Stubengelehrter, aber für ihn begann, aus Erfahrung, der Ungeist mit der falschen Definition. So hatte Hitler den Realismus auf seine Fahnen geschrieben, ganz ähnlich wie Stalin, wobei beide freilich einen ausgesprochenen Naturalismus meinten. Maßstab des Naturalismus ist die äußere Richtigkeit – "naturaliste" nennen die Franzosen dann auch nicht nur die Naturforscher, die naturalistischen Dichter und Maler, sondern auch die Tierpräparatoren. Maßstab des Realismus dagegen ist die innere Wahrheit. Schmidt wörtlich: "Äußere Richtigkeit ist keineswegs die Garantie für innere Wahrheit. Die übliche Gleichsetzung von Realismus und Naturalismus beruht auf der komischen Meinung, die Wirklichkeit erschöpfe sich in der gegenständlich sichtbaren Wirklichkeit." Nun möchte man gern wissen, was Georg Schmidt wohl zu den Bildern des Dresdners Gerhard Richter sagen würde, der, am "sozialistischen Naturalismus" ostdeutscher Kunstakademien geschult, seit 1961 in Düsseldorf lebt und Bilder malt, die sich an dem naturalistischsten Bildgestaltungsmittel aller Zeiten orientieren: an der Photographie. René Block, der Richter schon häufig hier ausgestellt hat, eröffnete mit ihm nun auch seine neuen schmucken Galerieräume in der Schaper-straße Nr. 11. Zur Vernissage zeigte Richter einen nicht eben kurzweiligen, wohl aber sehr aufschlußreichen selbstgedrehten Viertelstundenfilm. Auf der Leinwand sichtbar wurden bewußt undeutlich photographierte und überbelichtete Menschen–Schemen, Gespenster aus Rauch und blassen Schatten. Nur einmal drehte er plötzlich die Kameralinsen scharf, was filmisch der einzige eklatante Einfall blieb und dem Publikum ein beinahe erschrecktes "Oh!" entlockte. In Amerika ist es ja Sitte geworden, daß Maler Filme drehen, die keine Handlung haben, sondern so etwas wie verfilmte Bild–Ideen darstellen. Prominentestes Beispiel ist Andy Warhol. Gerhard Richter wird man als Jungfilmer keine große Zukunft prophezeien können, aber aufschlußreich für seine Malerei war sein Streifen dennoch. Er zeigte genau, worum es Richter geht: um ein Spiel der vertauschten Ebenen. Und die Ebenen heißen: Naturalismus und Realismus. Richter malt Photos – solche der Zeitgeschichte (Herr Heyde wird verhaftetnd simple Amateuraufnahmen (Mädchenkopf – verwischt). Er malt sie schwarz auf weiß in allem Naturalismus auf die Leinwand. Die Verfremdung erfolgt handwerklich mit dem trockenen Pinsel, der die gemalten "Photos" nachträglich verwischt. Im geistig–ästhetischen Sinne erfolgt sie durch eine Gleichsetzung von Naturalismus und Realismus, denn naturalistisch sind die Bilder plötzlich nicht mehr. Sie haben ein Bildmedium der Zivilisation zum Anlaß genommen, etwas Neues daraus zu machen, ein neues, und diesmal realistisches Bild, das nicht mehr der "komischen Meinung" ist, die Wirklichkeit erschöpfe sich in der gegenständlich sichtbaren Wirklichkeit. Da schwingt schon eher ein bißchen Zeitkritik mit. Ein Großteil unserer photoverseuchten Gegenwart beschränkt sich auf die erschöpfte gegenständliche Wirklichkeit – was für Bilder das sind, zeigt Richter in aller Kraßheit. Und zugleich, im Kunstgriff, verwandelt er sie, schlägt er dem Naturalismus ein Schnippchen, durchbricht er die gegenständliche Fassade, führt er die Photographie ad absurdum – und das will heißen, ins Realistische. Im übrigen ist er einer der begabtesten jungen Maler in Deutschland. ---------------------------------------------------------------------- Der Tagesspiegel, 28. März 1961 Halbmast über der National–Galerie Der Osten zeigt zum hundertsten Jubiläum seine "Neuankäufe seit 1945" Kunst und Agitation zweiträchtig beieinander Über der Museumsinsel ist halbmast geflaggt, wegen Zonen–Handelsminister Rau; wen es am Sonntag aus dem Westen zum hundertjährigen Bestehen der National–Galerie herüberzog, an die klassische Stätte Berliner Kunstpflege, wird den Trauerflor unversehens auch auf seinen Besuch bezogen haben, einen traurigstimmenden Besuch. Die unheilvolle Grenze wird durch dies tragisch verdoppelte Jubiläum doppelt schmerzhaft ins Gedächtnis gerückt. Von der Orangerie des Charlottenburger Schlosses bis zur alten Nationalgalerie ist es – auch auf dem Gebiet des Guten, Edlen, Schönen – ein genau so weiter Sprung wie vom Kurfürstendamm zur Stalinallee. 25.08.2007 < | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | > google english translation Kommentar zu diesem Artikel ins Forum schreiben Email an den Autor Druckversion |
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