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  Heinz Ohff - Kunstkritiker des erloschenen Berlin-West - Seite 6


Und ob sie das tut! Kaum mache ich mir vor den Bildern Notizen, heftet sich schon ein Kunstfreund vom Dienst an meine Fersen. Ungeniert dreht er den Bildern den Rücken zu und lauscht auf alles, was ich sage; offenbar ein Anfänger. Ich mache die Probe und gehe in den Handzeichnungensaal, den ich sofort wieder verlasse. Mein Schatten macht alles brav mit. Er kapituliert erst, als ich anfange, meiner Frau mit schöner Ausführlichkeit Feuerbachs "Gastmahl des Plato" von links unten bis rechts oben zu erläutern. Armer Feuerbach! Das hat er nun auch wieder nicht verdient! Oben, im dritten Stock, befinden sich die Neuerwerbungen seit 1945. Man merkt, daß hier zwei Kräfte gewaltet haben: die alten, soliden, auf Qualität bedachten Museumsleute (manche Bilder hat wohl noch Paul Ortwin Rave gekauft) und die Tendenzler. Erstaunlich stark, beinahe ausschließlich, ist – in beiden Richtungen – das zwanzigste Jahrhundert vertreten. Klassische Kunst scheint nur wenig neu erworben zu sein. Die Polen haben zwei schöne Porträts von Anton Graff (darunter den "Gellert") geschenkt und viele Thomas, welche hervorragend die einen Stockwerk tiefer befindlichen Bilder des 19. Jahrhunderts ergänzen (wo mögen die Polen diese Bilder herhaben?). In der Graphik ist auch Fedor Iwanowitsch Dahlungi, gen. Der Kalmück vertreten (1765 bis 1832), eine Art russischer Schnorr von Carolsfeld, dessen "Besuch Hektors bei Paris" 1959 erworben wurde. Mit der schönen "Gattin des Künstlers" von Begas ist dann auch schon Schluß. Eine fürchterlich rote "Bäuerin" des russischen Halb–Expressionisten Archipow (1862–1930) leitet über ins zwanzigste Jahrhundert. Da gibt es dann großartige Neuerwerbungen, man kann sie nicht alle aufzählen. Der Pechstein–Akt von 1910, auch das "Haus unter den Bäumen" von Schmidt–Rottluff aus dem gleichen Jahr gehören wie Heckels "Kanal im Winter" von 1913 zu den besten "Brücke"–Bildern überhaupt. Ein schönes "Stilleben" von Vlaminck findet sich neben schwachen, aber geschickt den Bestand abrundenden Corinth ("Mutterliebe") und guten Slevogts ("Max Halbe"). Ein "Selbstbildnis" von Kaus, eine bezeichnenderweise in seiner realistischen Periode, 1938, entstandene "Gebirgslandschaft" von Dix, ein Blumenstilleben von Rohlfs ("Canna Indica", 1937) – die Fülle vorzüglicher Bilder reicht bis Werner Heldt "Am Stadtrand von Berlin", eines seiner besten Werke, und Heinz Trökes (eine "Tierlandschaft" von 1946). Abstrakt ist sogar Oskar Schlemmer vertreten, mit einem erst im Vorjahr angekauften Relief.

25.08.2007

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