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  Heinz Ohff - Kunstkritiker des erloschenen Berlin-West - Seite 7


Wo es noch "moderner" wird, wird es dann allerdings atembeklemmend. Aus den dreißiger Jahren reichen noch Otto Nagel, der sentimentale Klassenkämpfer ("Das tote Kind") und Ehmsen, der einst der Neuen Sachlichkeit angehörte und heute so scheußliche Monstrositäten wie den "Empfang bei Präsident Ho Chi–Minh" malt, in diese triste Landschaft hinein. Interessant das kleine Kabinett zu Ehren des Worpsweder Edel–Kommunisten Heinrich Vogeler, der schon früh nach Sowjetrußland emigrierte und dort 1942 eines elenden Todes gestorben ist. Seine Bilder ("Ernte in Kabardino" und, sehr schön, "Moskau") fassen recht vielsagend den Worpsweder Jugendstil und kommunistische Agitation mit der gleichen leisen Süßlichkeit zusammen, die spätere Aushängemaler nur mühsam hinter plakativer Spachtelei zu verbergen suchen, so Bert Heller in seinem Brecht–Porträt oder Arno Mohr in seiner simplen "Kartoffelsammlerin". Die Plastik reicht von den schönen Gebrüder–Mann–Köpfen Gustav Seitz’ (der "Mao" allerdings ist monumental übersteigert) immerhin bis zu einer "Liegenden Frau" von Heiliger. Blumenthal ist repräsentativ vertreten und, natürlich, Fritz Cremer, der KP–Maillol, bei dem man in seinen besten Werken an die Kollwitz, bei seinen weniger guten allerdings penetrant an Thorak erinnert wird. Das alles ist höchst unterschiedlich, das findet wie Feuer und Wasser nur sehr zwieträchtig zueinander. Es laufen lauter sorgsam und geschickt angeknüpfte Fäden ins Leere – ein Spiegelbild der Hilflosigkeit, mit der man drüben vor einer freien Kunstausübung steht, ein Beweis aber auch für das mutige Ausharren mancher Museumsdirektoren, mancher Fachleute sogar im "Magistrat von Groß–Berlin", der einige vorzügliche Werke gestiftet hat. Welche geheimen Auseinandersetzungen, welche persönlichen Schicksale, welche Machtkämpfe mögen im Laufe von fünfzehn Jahren hinter manchen dieser Ankäufe ausgetragen worden sein! Zum hundertsten Jubiläum der Nationalgalerie sollte man gerade diese Leistungen nicht vergessen.
Daß sich Meisterwerke trotzdem mit agitatorischem Kitsch in schmerzlichem Mißklang zusammenfinden müssen, ist letztlich unser aller Schicksal. Der Mißklang wiederholt sich, beinahe noch schmerzlicher, wenn man später über den zugigen "Marx–Engels–Platz" geht, auf dem die Domruine und das immer noch wie eine Baustelle aussehende Pergamonmuseum dem faden Beton–Prunk des Tribünenaufbaus an der Stelle des alten Stadtschlosses ausgeliefert sind.
Der Trauerflor über der Nationalgalerie ist das Letzte, was man sieht,
wenn man in der S–Bahn noch einmal an der traditionsreichen Museumsinsel vorüberdonnert.

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Sämtliche Artikel stammen aus Lesebuch Heinz Ohff. Wissen, Erfahrung, Neugier – der Kunstkritiker Heinz Ohff, hrsg. von Dr. Ekhard Haack und Lothar C. Poll, Info-Press Verlag, Berlin 2007.


25.08.2007

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