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  Eine kurze Geschichte der Fotozeitschrift «camera» von Nadine Olonetzky - Seite 9


Allan Porters «Museum ohne Wände»

«Man muss sich vorstellen, dass es damals nur wenige auf Fotografie spezialisierte Galerien und nur wenige Museen mit Fotosammlungen und Fotoausstellungen gab. Meine Idee war nun, das Heft zu einer Art ‹Museum ohne Wände› zu machen, zu einer gedruckten Galerie», sagt Allan Porter. Im Editorial der November-Ausgabe 1974 wird er auf André Malraux’ 1951 erschienenes Buch «Voix du silence» Bezug nehmen und schreiben: «Der Titel ‹Museum ohne Wände› ist kein von mir geprägtes Wort, sondern die Überschrift zum ersten Abschnitt des Werkes ‹Voices of Silence› aus der Feder eines unserer geistreichsten Zeitgenossen und Kunstkritiker: André Malraux. Jenes Vorwort zu dem kunsthistorischen Werk bezieht sich auf den Wandel in der Art, wie Kunstwerke ausgestellt und die Künste unterrichtet werden, und auf den Einfluss, welcher dabei von der Photographie auf die Studenten ausgeübt wird. Die Photographie als Medium wird nur kurz erwähnt, aber ihre Bedeutung als Reproduktionsmittel wird unterstrichen, und das Werk bietet viele Anregungen zu Gedanken über die Bedeutung der Photographie bei der Wandlung der Künste und über die Rolle, welche ihr im Zusammenspiel mit anderen künstlerischen Bemühungen zukommt.» Tatsächlich jedoch sind anfang der 70er Jahre die Institutionen, die sich mit Fotografie beschäftigen, sie in Ausstellungen präsentieren und sammeln – etwa das New Yorker Museum of Modern Art – dünn gesät und hauptsächlich in den USA angesiedelt. «Es gab damals in Europa keine Museen und keine vergleichbare Zeitschrift», meint der Direktor des Fotomuseums Winterthur, Urs Stahel, der als Student «camera» abonniert hatte. «Ausser dem Kunstgewerbemuseum Zürich, wo der Kurator und Autor Willy Rotzler von Zeit zu Zeit Fotoausstellungen realisierte, gab es hier kein Institution, die Fotografie zeigte. Das Heft war tatsächlich ein Museum im Magazinformat.» Auch die Kuratorin Erika Billeter gehört damals zu denjenigen, die Fotoausstellungen im Kunstgewerbemuseum Zürich und später auch im Kunsthaus Zürich realisieren, doch insgesamt ist die Präsenz von Fotoausstellungen in Schweizer Museen noch marginal.
Dass jedoch auch in den USA die Fotografie als ausstellungswürdiges Medium noch nicht selbstverständlich ist, zeigt ein programmatisches Statement, das der Kurator Morris Gordon in der «camera»-Ausgabe Nr. 5/1965 abgibt. Das noch vor der Mitarbeit von Allan Porter herausgebrachte Heft stellt Gordons 1965 in der Gallery of Modern Art des New Yorker Huntington Hartford Museums gezeigte Fotoausstellung vor. Er glaubt, sein Tun als Fotokurator so verteidigen zu müssen: «Meine Konzeption photographischer Ausstellungen ist denkbar einfach: Es geht darum, Photographien in anerkannten Museen auszustellen, wo sie dieselbe Beachtung finden wie andere künstlerische Ausdrucksmittel: Malerei, Plastik, Radierungen und Zeichnungen. (...) Ich will den gelegentlichen Museumsbesucher zum Verständnis für gute Photographie erziehen, und zwar nicht, indem ich ihn zwinge, das zu ‹schlucken›, was mir gefällt, sondern indem ich ihn mit einer Fülle von positiven und negativen Beispielen konfrontiere und so am Beispiel das Wertvolle vom Minderen zu unterscheiden lehre. (...) Ich sehe also den Sinn der Photoausstellungen in der Gallery of Modern Art vornehmlich im Aufzeichnen neuer Ausdrucksmöglichkeiten und in einer Befreiung vom Veralteten.» Die Ausstellung zeigt Aufnahmen von elf Berufsfotografen, von denen heute Robert Doisneau, Ernst Haas (1921-1986), Philippe Halsman (1906-1979) oder Irving Penn noch ein Begriff sind; Horst H. Baumann, dessen Buch «Die neuen Matadore» Allan Porter gestaltet hat, ist ebenfalls vertreten.

03.01.2008

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