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  "Berlin-Surfen" (Mai 2008) – mit Bild-Blog - Seite 3


Schöne Beispiele für die letztgenannte Tendenz sind Wolfgangs Tillmans in seiner Präsentation „Lighter“ (dt. Anzünder) und Anna und Bernhard Johannes Blume mit „Reine Vernunft“ im Hamburger Bahnhof. Bei Tillmans setzt das Museum auf eine große Überblicks-Show von Mitte der 90er Jahre bis heute (Bilder Nr. 6-15). Unbestritten ist Tillmans der Chronist des Lebensgefühls der Generation der 90er Jahre, der illegalen Clubs, der Straßenmode, der weichen, tonigen Farbfotografie. Die Klassiker dabei sind „Tillmans“ 1993 und „Burg“ 1997. Danach folgten Installationen mit Drucken, Fotos als Papier und Sammlungs-konvolute, Strategien, die in der Turner-Prize-Installation des Jahres 2000 kumulierten (Bild Nr. 8 - Rekonstruktion). Das ist immer noch spannend. Danach begann aber die Tillmans-Wende. Die bisher genutzten bildnerischen Ideen des Experiments – Fotopapier als Stillleben, Fotografik, Ausschnitte von Publikationen usw. – wurden in den folgenden Jahren separiert, gestreckt und zu großformatigen Werk-gruppen aufgebläht, dies zeitgemäß mit Videoprojektionen ergänzt (Bilder Nr. 9-13). Das ist gerade mal grafisch dekorativ, hat mit Abstraktion nichts zu tun und der kritische Inhalt ist der Common Sense des aufgeklärten Bildungsbürgertums. Das fotografische Grundpotenzial zeigt sich immer noch in den „straight“ fotografierten Bildern (Bilder Nr. 6 und 7).

Sicherlich ist der Fall „Tillmans“ komplexer und lässt mehrere Diskussionsebenen zu. Er zeigt aber auch exemplarisch das Dilemma der aktuellen künstlerischen Fotografie. Ein Fotograf, der für den Kunstmarkt Künstler sein will, muss Bilder machen, die auch von jedem Laien als „Kunst“ erkannt werden: groß, abstrahierend, belehrend – also irgendwie „mehr“ als ein Foto. In diesen Sog hat sich Tillmans ziemlich kritiklos begeben.

Bei „Reiner Vernunft“ von Anna & Bernhard Johannes Blume liegt der Fall etwas anders. Wunderbar anarchisch der Biss und die Haptik der analogen Fotoarbeiten aus den 8oer Jahren (Bilder Nr. 4 und 5). Die neuen Werke nach 2003 unter dem Titel „De-Konstruktiv“ wirken leer. Sie wurden digital bearbeitet und gedruckt, sind also Arbeiten im neuen digitalen Workflow und diese Umsetzung ist weder inhaltlich noch sinnlich gelungen (Bilder Nr. 2 und 3).

Mit „Sichtbarwerden“ geht es im Hamburger Bahnhof im Anschluss an die Tillmans-Show in den Rieck-Hallen weiter. Der Titel bezieht sich auf fotografische „Werke“ aus der Friedrich Flick Collection, die, Stand Ende 80er Jahre, dokumentarische Fotografie von Künstlern und den bekannten Becher-Schülern zeigt. Selten wurde so wenig Leidenschaft mit so viel Geld vereint. Sogar der Witz von Fischli & Weiss geht in die Knie (Bild Nr. 14). Der weiträumige Parcour der Rieck-Hallen hat im Kellergeschoss die Dimension einer Tiefgarage, die für kleinformatige Fotografien ungeeignet ist. Schön: Sigmar Polkes fotografische Arbeiten und die vielen frühen Thomas Ruffs (1981) im Kleinformat (Bild Nr. 15 – im Hintergrund).

10.06.2008

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