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  Gespräch: kontrovers - Fragen an Thomas Seelig, Sammlungskurator am Fotomuseum Winterthur - Seite 2


Thomas Seelig
Das ist eher als Befund zu sehen. Er lässt Schlüsse zu, wohin sich das Medium entwickeln mag. Wenn ein Fotograf zum Beispiel Barytpapier verwenden möchte, dies aber nur noch über dunkle Kanäle aus dem Ostblock bekommen kann, wo die Umweltgesetze im Bezug zum Silberanteil im Papier nicht so streng sind, dann stirbt eben auch eine sehr charmante und erprobte Werkform. Im Einzelnen kann man feststellen, dass Fotografen sich diesen individuellen Reiz des Analogen und Händischen erhalten wollen. Es könnte beispielsweise aber sein, dass wir in Kürze vielleicht keine Filme mehr kaufen können ...? Zur Frage der gereinigten Bilder fallen mir all die digital bearbeiteten Fotografien ein, die den schmalen Grad der Indifferenz überschritten haben, und man auf Motive stößt, die eindeutig "über"arbeitet aussehen: zu aufgeräumt, zu sehr radiert, begradigt usw. In Zukunft wird es so sein, dass sich unsere Sehgewohnheiten an die heute noch "neuen" Techniken anpassen und wir Härte und Kontrast eines Inkjet-Prints nicht mehr als fremd wahrnehmen.

Th. L.
Ich hatte mehr daran gedacht, dass die moderne Fotografie in einem Manufaktursystem entsteht, also der Fotograf nicht mehr selbst das Bild handwerklich herstellt. Dagegen geht es Dir um das Verschwinden erprobter fotografischer Materialien, wobei die Technikabhängigkeit ja für die Moderne generell gilt. Der Bruch in der Fotografie scheint mir daher nur ein „gefühlter“ zu sein. Es hat seit den 20er Jahren keinen wesentlichen Wechsel der fotografischen Technologie gegeben. Wenn Du das mit Film und Musik vergleichst, ist das eine unendlich lange Zeit. Die Fotografie ist ja kein medialer Monolith, Umbrüche waren daher zu erwarten. Natürlich ist das Medium Fotografie tendenziell auch eine Fluchtburg vor dem kalten Wind des Zeitgeistes. Denk nur an solch nostalgische Zeitschriften wie Leica Fotografie International oder an den fotografischen Retro-Stil der Mare-Hefte. Ich weiß also nicht, warum ich dem Barytpapier nachweinen sollte – außerdem stirbt es nicht. Da bin ich mir sicher. Und: in Deiner Ausstellung „Forschen und Erfinden“ ist ebenfalls keine Baryt- oder „fine print“-Position zu finden.

24.06.2008

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