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  Gespräch: kontrovers - Fragen an Thomas Seelig, Sammlungskurator am Fotomuseum Winterthur - Seite 3


Thomas Seelig
Das stimmt so nicht. Beim genauen Studium des Katalogs von Forschen und Erfinden und in der Ausstellung könntest Du die Position von Jochen Lempert entdecken. Er fixiert leicht wellige, luftgetrocknete Barytprints in Bildtableaus direkt auf die Wand, in einer Art anarchischem Aufbegehren gegen den verbreiteten Technikwahn. Wenn man von Manufaktursystem sprichst, verkennt man nämlich, dass eben mittlerweile fast alle großformatig arbeitenden Künstler beim selben Fachlabor vergrößern oder bei den gleichen Spezialisten für Digitalprints. Das bedeutet, jeder greift mehr oder weniger auf die gleichen technischen Materialien und Verarbeitungsprozesse zurück. Statt Manufaktur müsste man eher wohl von der Kleinindustrie „Kunstfotografie“ sprechen. Die Künstler, vielleicht auch ihre Galerien, suchen anscheinend diese Konstante, sonst gäbe es sicherlich ausreichende Alternativen. Ich persönlich würde als Bildautor versuchen, mich dem zu entziehen und statt dessen die Herausforderung zu suchen. In Bezug auf die vielen fotografischen Stile, die Du der Fluchtburg zuschreibst, habe ich, auch wenn es konservativ klingen mag, eigentlich gar nicht so große Probleme. Warum nicht jeder nach seiner Façon? Ob und wie jemand sein Publikum erreicht, ist dann die wohl entscheidende Frage. Und mal ehrlich, vielleicht erreicht die Leica Fotografie International viel gezielter als manch anderes Medium ein sehr gut informiertes Publikum. Interessant ist aber doch folgende Feststellung: Es gibt in der künstlerischen Fotografie ein extrem ausgeprägtes Verlangen nach Abgrenzung. Vielleicht liegt es daran, dass eben über lange Zeit keine großen Techniksprünge gemacht wurden und man sich so inhaltlich und ideologisch voneinander zu unterscheiden sucht. In Nordamerika gibt es interessanterweise einen eher lockeren Umgang mit fotografischen Vorbildern und dem Nebeneinander von ähnlichen Positionen.

24.06.2008

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