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  Nachgefragt: Gespräch mit Thomas Wiegand, Mitorganisator des 4. Kasseler Fotofrühlings. - Seite 9


Thomas Wiegand:
Ich beobachte die Szene nur aus der Ferne, aus der Provinz. Trotzdem habe ich nicht den Eindruck, dass sich seit 2005 Entscheidendes in der Diskussion um das Fotobuch getan hätte. Es gab seitdem noch den 2.Band von Parr/Badger und zwei weitere Bücher, die Fotobücher vorstellten (Bertolotti, Auer), aber eine zusammenfassende Geschichte des Fotobuchs oder nur eine weiter gespannte Begriffsbestimmung scheinen mir nicht in Sicht zu sein. Eigentlich ist inzwischen ziemlich viel Material ausge-breitet worden, mit dem man jetzt etwas anfangen könnte. Allerdings reicht allein die Kenntnis der Zusammenfassungen von Parr/Badger & Co. nicht aus, um eine „Theorie des Fotobuchs“ zu schreiben. Es ist Ihnen sicherlich aufgefallen, dass Molderings Parr/Badger genau an den Stellen kritisiert, an denen er sich selbst am besten auskennt, nämlich bei der europäischen Avantgarde der Zeit um 1930. Molderings kritisiert nicht die Darstellung der japanischen Bücher oder die der Frühwerke aus dem 19. Jahrhundert, die möglicher-weise ebenso mangelhaft beschrieben wurden. Ein Überblickswerk wird dem Spezialisten also immer zu wenig sein. Wenn auch im Vorwort des 1. Bandes von Parr/Badger selbstbewusst davon die Rede ist, eine Geschichte der Fotografie anhand von Fotobüchern liefern zu wollen, bezweifele ich, dass die beiden anhand der Auswahl, die in Parrs Sammlung vorhanden ist, „die“ Geschichte, Theorie und Ästhetik des Fotobuchs schreiben wollten. Dazu ist die Qualität der Recherche in der Tat nicht aus-reichend und die von Molderings zu Recht bemängelte, zuweilen sehr seltsame Kategorisierung ist es auch nicht. Es ging den Autoren offenbar nur darum, den Blick zu weiten und das Feld abzustecken. Immerhin ist mit diesem Buch nichts verschenkt, was man nicht noch tun könnte. Das Problem nach Parr/Bagder ist allenfalls, dass sich jetzt nicht mehr jeder die darin vorgestellten Bücher leisten kann – aber dafür gibt es ja Bibliotheken und notfalls Reprints. Die Populari-sierung des Themas hat ihre Licht- und Schattenseiten. Nicht jedes Fotobuch ist ein Werk der Kunst. Es gibt, wie schon angedeutet, neben künstlerischen, ästhetischen oder autobiographischen auch historische, politische, technische, wirtschaftliche Faktoren, die aus einem Buch mit Fotos ein Fotobuch machen. Es sind halt unterschiedliche „geistige Räume“, die von Fotobüchern erschlossen werden. Die von Ihnen zitierte, von Molderings vermisste Analyse dieser geistigen Räume, speziell der wie auch immer organisierten narrativen Strukturen der Bücher, würde den Rahmen einer Überblicksdarstellung sprengen. Vielleicht hätte man diese Aufgabe durch eine geschicktere visuelle Argumentation mit den reproduzierten Doppelseiten zwar nicht erledigen, aber doch zumindest die Potentiale der einzelnen Bücher besser herausarbeiten können.

fotokritik:
Stichwort „photobook on demand“. Über Apple (iPhoto und Aperture), den Berlinern myphotobook oder Blurb (USA) sind mit firmeneigener Software Fotobücher als Einzelexemplare mit guter Qualität unterhalb des Edel-drucks des Steidl-Verlags möglich. Was hat das für Auswirkungen, für Fotografen, Verleger und Sammler?

30.09.2008

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