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Leuners "fortlaufende Anmerkungen" Nr.3, Frühjahr/Sommer 2004 - Seite 12 Hamburg Internationale Haus der Fotografie In «A Clear Vision» beherzigt die Sammlung Gundlach den Grundsatz, dass die qualitativ besten Arbeiten entstehen, wenn die Künstler kurz vor ihrem Durchbruch sind. Der Ehrgeiz ist brennend, die ersten Erfahrungen sind da, alle Kräfte sind gesammelt. Diese Arbeiten in meist kleineren Formaten sind zwar nicht so «repräsentabel» wie spätere Arbeiten, die sich mehr an der Ver-kaufbarkeit orientieren, haben aber die Unmittelbarkeit des Neuen und Ge-wagten an sich. Otto Steinert mit sehr unbekannten Porträts aus den Jahren 1949 und 1952; Diane Arbus mit Abzügen von Anfang der 60er Jahre – ganz modern wurden die Barytabzüge frei zur Welligkeit des Materials stehend in einem tiefen Rahmen präsentiert; Fischli und Weiß von 1985 in Schwarz-Weiß; der Maler Albert Oehlen mit Stoppschildern; der amerikanische Mode-fotograf Erwin Blumenfeld mit Zeichnungen aus den 20er und Porträts aus den 30er Jahren – die Liste ließe sich mühelos weiter fortsetzen. Hier ist die Handschrift eines Sammlers zu erkennen, der als Modefotograf und – das ist deutlich sichtbar – als Schwuler ohne Eitelkeiten gesammelt hat. Dieser ein-drucksvolle und berührende Teil der Sammlung wird leider von einem großen Konvolut von Bildern beeinträchtigt, bei dem der Sammlerehrgeiz erkennbar wird, das Lexikon für zeitgenössische Fotografie zu bebildern. Da hängt dann eben auch zweite Wahl: Cindy Sherman in Farbe von 1994, neue Fischli und Weiß im Großformat, ein verwaschener Tillmans aus dem Jahre 2000, Rineke Dijkstra von 1999, glatte Michael Najars u. a. Das ist schade. Zurück findet die Sammlung aber auf ihrem authentischen Weg bei der osteuropäischen Fotografie, zu der, auch wenn das heftig bestritten wird, die realistische Foto-grafie der ehemaligen DDR gehört. Ob Evelyn Richter, Gundula Schulze oder Antanas Sutkus – hier ist mit der naiven Seele des Fotografen gesammelt worden, mit der Intimität des Wissens, wie Bilder durch die Kamera empfun-den werden. Bleibt nur anzumerken, dass die Hängung von Zedenik Felix frei mit den unterschiedlichen Positionen der Fotografie umgeht, aber nicht wie bei Honnef in Berlin ein «Bildermatsch» entsteht. Und doch scheint über dieser Ausstellung der Hauch des Angestrengten zu liegen. Zu deutlich geht es darum, die Sammlungslücke in der Fotografie für Hamburg – und natürlich auch für Deutschland – zu füllen. Anmerkung: Gut lässt sich das mit einem Blick nach nebenan verdeutlichen. Schräg gegenüber dem Eingang zur Ausstellung «A Clear Vision» wurde zur gleichen Zeit auch die Ausstellung «Corpus Christi – Christus Darstellung in der Photo-graphie von 1850-2001» gezeigt. Diese Wanderausstellung ist ein hochka-rätiges Projekt der Fotografie-Sektion des Israel Museums Tel Aviv und eine Überraschung. Tatsächlich geht es gar nicht um eine fotohistorische Schau über die Darstellung von Christus, sondern – und das ist in der Konsequenz und mit der Fülle des Materials neu – um eine Untersuchung über „die Foto-grafie und das Pathos“. Schlagartig wird deutlich, dass Pathos, Theatralik, Mystik, Kitsch, Sentimentalität und Trash wesentliche Merkmale der Fotokultur sind – und das seit ihrer Geburt. Dabei ist das «Genre» in der Fotografie kein Ordnungskriterium, sondern verstellt den Blick: Ein im Schlamm Vietnams im Todesschock hockender GI ist genauso pathetisch inszeniert wie: Frau Abramovic auf ihrem Schimmel, die symbolistisch drapierten Familienmitglieder der Margarete Cameron, die Mongoloiden beim Abendmahl Leonardos im Werbekontext. Dieses schonungslose kuratorische Konzept lässt zum Beispiel Boris Mikhailovs Ausgestoßene endlich zu dem werden, was sie sind: Hallu-zinationen über das zwischen den Zivilisationen taumelnde Russland. 22.03.2005 < | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | > google english translation Kommentar zu diesem Artikel ins Forum schreiben Email an den Autor Druckversion |
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