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  Gespräch zwischen André Gelpke und Jörn Vanhöfen im Februar 2009 - Seite 8


André Gelpke
Ich denke, es geht zunächst weniger um ein Bewusstsein – das haben viele. Nein, es geht um eine Haltung, auch wenn das zunächst unmodern moralisch klingt. Da gibt es natürlich viele Wege. Ich habe Fotografie immer als ein begleitendes Medium begriffen, lediglich dafür da, um von A nach B zu kommen. Fotografie ist für mich Alibi. Ich fotografiere, um bei der Sache zu sein, die mir begegnet und mich interessiert. Foto-grafie als ein Beleg, auch wirklich dagewesen zu sein, nicht für an-dere, immer für mich selber. Fotografie ist für mich ein Kreis mit zwei Polen. Die eine Hälfte wird gelebt, die andere erinnert sich. So ein-fach, so kompliziert ist das mit mir und mit meiner Fotografie. Foto-grafie ist mein Sammeln von Erinnerungen, ein langsames Sattwerden, um endlich Abstand davon nehmen zu können. Fotografie ist eine Strategie gegen meine Angst vor dem Verlust. Ich benutze Fotografie immer für Dasselbe: festhalten, sichtbar machen, deutlich machen und rückholbar, im Sinne von Erin-nerung. Fotografie ist so ein wunderbares, unmittelbares Medium. Fotografie heisst Erkennen, Sichtbarmachen von Bedeutung, sie ist Alibi, ganz leise und dann wieder furchtbar laut, sensibel oder aufdringlich, ganz einfach und furchtbar schwer. Fotografie ist eine Hure, niemals wahr, immer nur behauptend. Sie ist nicht erhaben, sie steht niemals über den Dingen. Sie ist selten nur schön oder sie selber. Fotografie ist nicht frei von Zufälligkeit. Sie ist immer beides, wunderbar und erbärmlich und dieses manchmal zur gleichen Zeit. Aber ich frage mit ihr, der Fotografie. Nur diese fotografierte Welt gibt mir keine Antwort. Keine entscheidende zumindest, denn durch sie wird mir lediglich die Zeit bewusst im Sinne von Geschwindigkeit und somit auch meine Vergänglichkeit. Ich spüre durch sie, dass ich sterb-lich bin. Rainer Maria Rilke hat das wunderbar ausgedrückt: „Uns überfüllt’s / Wir ordnen’s. Es zerfällt / Wir ordnen’s wieder und zerfallen selbst/ (...) So leben wir und nehmen immer Abschied.“ Wenn dies in wenigen Sätzen meine Haltung gegenüber der Fotografie aus-drückt, dann stellt sich auf der anderen Seite die Frage, wer will das sehen und finanziell gesehen, gibt es dafür einen Markt? Schwierig, sehr schwierig und was den Markt betrifft, wohl eher nicht!? „Kunst ist Umgang mit selbst erzeugter Ungewissheit.“ (N.Luhmann) So war’s, so ist es und so wird es immer sein.

07.04.2009

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