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  4. Berlin-Biennale 2006 - der fotografische Aspekt - Seite 2


Ein Hauch von Geschichte umspülte die Exponate: Der Charme eines
besetzten Hauses, die Konfrontation mit einer in Bildung und Armut
erstarrten DDR und als besonderes Extra das klassisch-jüdische
Territorium, demonstrativ inszeniert durch den Sicherheitscheck am
Eingang der ehemaligen jüdischen Mädchenschule. Drumherum der
Berlin-Mitte-Alltag ohne hässliche Spuren eines Kulturevents.

Der Rundgang durch die Ausstellungsstationen zeigt eine angenehme
Kompetenz im Bereich Video, die Vorliebe für Zeichnung und
Kleinformatiges und das Fehlen der klassischen Malerei im großen
Tafelbild. Die Fotografie ist im allem gleichberechtigt präsent.
Deutlich deklassiert aber Installation und Skulptur, die im
Zusammenspiel mit den prägnanten Räumlichkeiten keine eigenen Bilder
erzeugen können.

Obwohl dieser Mangel deutlich erkennbar ist, stellt sich beim Besucher
ein Gefühl der Stimmigkeit ein. Ein Eindruck, der auf den theatralischen, atmosphärischen Gesten beruht, die aktuelle und zeitnahe Sehnsüchte bedienen. Das Missglückte öffnet auch den Blick auf die Ambivalenz: „The Boy in the bench“ (1983) ist der Beitrag des ältesten Teilnehmers, des polnischen Theatermanns und bildenden Künstlers Tadeusz Kantor (1915-1990). In einer grob gezimmerten Schulbank sitzteine Puppe, ein lebensgroßer Junge - der Raum ist leer. Das ist eine klassische Inszenierung des „Theaters der Bilder“, des Theaters der “Sinnlichkeit” der 70er Jahre, in Deutschland besser bekannt durch die Inszenierungen des deutsch-ungarischen Dichters Georg Tabori, der die Bühnenpuppe zu seinem theatralischen Markenzeichen erhoben hatte. Ästhetisch war das ein Rückgriff auf die 40er Jahre, am Brecht-Theater vorbeigemogelt, zwischen Makramee- Arbeiten und mystisch-psycho-analytischer Sinnstiftung und Selbstfindung plaziert. Sicherlich ein Nachholbedürfnis und eine Vergewisserung der Fiktion, es gäbe eine kulturelle Tradition ohne Nazi-Clash. Nun werden diese Bildwelten und deren aktuelle Interpreten gegen den “white cube” in Stellung gebracht. Der “white cube” steht für die Aura der Leistung, der kunstmarktkompatiblen Kunst, die nur Träume auf Wertsteigerung zulässt. Es ist das Bild der Sammlerhorden, die sich im Schweinsgalopp zur Messeeröffnung um die begehrte Heiß- Ware balgen. Jetzt, am Kamin (hip!), in der Runde mit Freunden sitzen und dem kalten Hauch der Globalisierung trotzen. Das Private in den öffentlichen Raum erweitern: Die Vorstellung akademische Bildung schützt vor Armut, wenn man unter sich ist. Der Mensch in der Welt, wie die Maus im Labyrinth. Platt gesagt: die Phantasie der Medien über eine Generation Praktikum. Ein Händchen-haltendes Paar, lächelnd, 70er Jahre, dies ist das im Straßenbild präsente „Jingle-Foto“ der Biennale. Eine Fotoshop-Collage von Aneta Grzeszykowska – als Heimwehbefragung der kleinbürgerlichen Kindheit.

08.05.2006

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