www.fotokritik.de

Texte zur zeitgenössischen Fotografie und digitalen Bildkunst
 
   

 
Beiträge '12
Beiträge '11
Beiträge '10
Beiträge '09
Beiträge '08
Beiträge '07
Beiträge '06
Beiträge '05
Bilder

Neu gelesen
Ikon-Archiv

Englische Texte




Suche
  Heynowski & Scheumann, Kannibalen - Fotobücher "neu gelesen", Folge 3 - Seite 12


Wolfgang Geisler gestaltete 1967 neben „Kannibalen“ mit „KriegsErklärung“ noch ein weiteres Antikriegsbuch, dessen Rückgrat zwei längere Gedichte von Volker Braun bilden und das mit Fotos aus dem Vietnamkrieg illustriert ist. Alle Beteiligten an „Kannibalen“ dürften Robert Lebecks erstes, von der Illustrierten Kristall herausgegebenes Buch „Afrika im Jahre Null“ (1961) gekannt haben, in dem u.a. der Anfang des Krieges im Kongo thematisiert wird. Für diese klassische Fotoreportage konnte man aus einem riesigen Fundus von etwa 15000 Aufnahmen schöpfen, darunter auch die berühmte Serie um den Degendiebstahl in Leopoldville (aus Kristall Nr.16/1960). Lebecks Buch bemühte sich um informative Sachlichkeit, was vielleicht ein Vorbild für Gerd Heidemann, aber sicherlich nicht für „Kannibalen“ war. In der Konzeption als Montage aus „gefundenem“ Bildmaterial ähnlich und vom Thema verwandt war Klaus Staecks 1971 erstmals erschienenes politisches Künstlerbuch „Pornografie“ über Gewalt und deren Darstellung.

Den vom Engagement für eine gute Sache getragenen Autoren und dem Gestalter gelang mit „Kannibalen“ jedenfalls ein Fotobuch par excellence. Es braucht keinen Vergleich zu scheuen. Dazu tragen das großzügige Layout mit den vielen Leerstellen und Weißräumen, die schnörkellose Typografie und der überlegte Einsatz von farbigen Abbildungen bei. Mit aus dem Film adaptierten Mitteln der Montage, mit Wiederholungen, mit entlarvenden Gegenüberstellungen, sarkastischen Texten und überhaupt einer geschickten Mischung aus einer diffusen Objektivität und polemischen Schärfe, sprich effektiver Propaganda, weiß es als Buch immer noch zu überzeugen. Oder sollte man besser sagen: zu überrumpeln? Jedenfalls brennt sich dieses grandiose, stellenweise drastische Werk fest in das Gedächtnis des Lesers ein, auf dass er für „Kannibalismus“ jeder Art immunisiert werde. Wie nicht anders zu erwarten, musste die von Heynowski & Scheumann verabreichte Schutzimpfung in Sachen Moral, Anstand und Menschlichkeit trotz der hohen Dosis wirkungslos bleiben. Oder haben etwa die Fotos aus den befreiten Konzentrationslagern oder die Bücher von Gilles Peress die Weltläufte verändert?

Thomas Wiegand


* * *

Bibliographie

Werke Heynowski & Scheumann:

Walter Heynowskis/Gerhard Scheumann/Peter Hellmich, Der lachende Mann – Bekenntnisse eines Mörders, Deutscher Fernsehfunk 1966, Wiederveröffentlichung auf DVD (Verlag und Antiquariat für Zeitgeschichte, Bad Dürkheim)

13.05.2009

< | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | >
Klicken Sie hier für den Bild-Blog zum Artikel
google english translation
Kommentar zu diesem Artikel ins Forum schreiben
Email an den Autor

Druckversion
 
Editorial
Autoren

Forum
Newsletter

Mitarbeit
Kontakt

Impressum