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  Das „Kabinettstück“[1] des Charles Wilp – Fotobücher „neu gelesen“, Folge 4 - Seite 5


Einige Motive wurden mehrfach variiert. Walter Scheel wurde zunächst so fotografiert, als ob er soeben einer Miss Europa im Badeanzug zu ihrer Wahl gratulierte. Der Außenminister hat die Schärpen für die Miss Asien und die Miss Amerika so über den Unterarm gelegt, als ob er gleich noch weitere Damen auszeichnen werde. Der Politiker war über die Lockerheit und zugleich Weltläufigkeit symbolisierende Inszenierung begeistert: „Das ist ja fabelhaft, darauf habe ich lange gewartet.“ Wegen der „Würde seines Amtes“ gelangte schließlich ein Foto in die offizielle Veröffentlichung, das den Vizekanzler allein mit einer „unauffälligen Akte zeigt.“[16] Die ursprüngliche (und bessere) Aufnahme kam selbstverständlich doch noch an die Öffentlichkeit. Einerseits brachte der Spiegel dieses Bild im Rahmen seiner Berichterstattung über die Buchproduktion, andererseits verwendete Wilp diese und andere Varianten aus der Kanzleramtsserie für eigene Ausstellungen und Projekte.[17] Außerdem nutzte Wilp das brave Scheel-Portrait aus dem Kanzleramtsbuch weiter, indem er das Foto zu einem lebensgroßen, schwarzweißen Papp-Double verarbeitete und diesem ein lässiges Bikini-Girl in Helm und Stiefeln beigesellte.[18] Zu einer späteren Gelegenheit fand auch die Aufnahme des Entwicklungsministers mit einer überdimensionalen Banane und einigen kleinen Jutesäcken den Weg in die Öffentlichkeit. Diese Inszenierung hatte Erhard Eppler für den gedachten Zweck „entschieden“ abgelehnt, was Wilp aber nicht daran hinderte, die Aufnahme dennoch zu realisieren. Im Buch „Bundeskanzleramt“ zeigte sich der Minister – unter Verzicht auf die Kulissenbanane – in einer biederen „beigefarbigen Safari-Jacke.“[19]

Einige Bilder für das „Bundeskanzleramt“ scheint Wilp schon vorher im Fundus gehabt zu haben (Alex Möller)[20], andere aus dieser Serie, wie die Variante von Hans-Dietrich Genscher als obersten Umweltschützer mit einer Sprayflasche, scheinen erst später, im Zusammenhang mit der 1972 gezeigten Ausstellung „Die jungen Männer von Bonn“ über die führenden Politiker der Bundesrepublik, entstanden zu sein.[21]

07.07.2009

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