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  Das „Kabinettstück“[1] des Charles Wilp – Fotobücher „neu gelesen“, Folge 4 - Seite 7


Dass Wilp mit abnehmendem geschäftlichem Erfolg und zunehmendem Verlieren des roten Zeitgeist-Fadens als „Gag-man“[25] und „Werbe-Clown“[26] in gelb-weißem Outfit seiner Linie als Exzentriker treu blieb, mag so tragisch wie bewundernswert sein. „Irgendwann fragt man sich natürlich: Glaubt Charles Wilp an seinen eigenen Rausch, die ganze Euphorie, den ganzen Zauber?“[27] Ja, er glaubte daran. Noch 1976 versuchte er, in einem langen Artikel in der Zeitschrift „Das Parlament“ die Politiker und deren Berater von seinen Ideen einer positiven Beeinflussung durch Ozon-Therapien, Feromone, Climiner-Geräte und einer bioklimatischen Aufladung der Luft – wie schon 1968 bei Ministerpräsident Stoltenberg angewendet[28] – zu überzeugen und empfahl den Computer zu einer objektiven, von Stimmungen der Berater befreiten Image-Analyse.[29] Bei der Lektüre seines 1976 veröffentlichten Credos zur medialen Darstellung der Prominenz wird sehr deutlich, dass der Werbefachmann nicht nur etwas von Massenpsychologie verstand, sondern spürte, daß sich in der Medienöffentlichkeit gravierende Änderungen anbahnten: „Image und Erfolg hängen eng zusammen. Im Zeitalter der Technik sind neue, zeitgemäße Dimensionen zu berücksichtigen, der Fortschritt, die Zukunft, hat auf diesem Gebiet gerade erst begonnen.“[30] Mit der Ankündigung „Ich passe weiterhin auf die Prominenz auf“ schließt der Artikel selbstbewusst – und ohnmächtig. Denn es war kaum mehr jemand da, der noch den Beistand des Meisters gebraucht hätte.[31] Die Ära der Pop-Art-Fotografie Wilpscher Prägung scheint zu diesem Zeitpunkt vorbei gewesen zu sein.

Wilp steckte Geld, Energie und Euphorie in andere Projekte. Er wandte sich wieder verstärkt der Kunst zu, begleitete Joseph Beuys an einen kenianischen Strand,[32] verpackte – möglicherweise in Anlehnung an eine selbst miterlebte documenta 5-Aktion von Harry Kramer[33] – die Köpfe prominenter Zeitgenossen in kanadischen „Ur-Lehm“ und deklarierte die Fotos der zugekleisterten Häupter zu „Fotoskulpturen.“[34] Dies geschah unter anderem vor den Toren der documenta 6 auf dem Friedrichsplatz in Kassel und war „ein Spaß für die Zuschauer, für die Fotografen ein Fest und die Beteiligten eine höchst werbewirksame Aktion.“[35] Und Wilp fotografierte weiter, jedoch nur noch auf Randschauplätzen wie in indischen Ashrams oder auf Aachener Baustellen.[36]

07.07.2009

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