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  Leuners "fortlaufende Anmerkungen" Nr.4, 2006 - Seite 9


Best wishes Martin Parr

Köln, 7. März 2005
Sehr geehrter Herr Leuner,
jetzt bin ich etwas irritiert. Eine Bilddokumentation kann aus vielerlei erschüttern. Waren Sie angesichts der Folterbilder von Abu Ghraib, die kürzlich um die Welt gingen, etwa nicht erschüttert? Auch hier handelt es sich um Fotografien, offensichtlich von Tätern. Heißt das zugleich, dass die Täter etwa „gute Arbeit“ geleistet haben? Ich bitte Sie sehr herzlich, mir das Wort nicht im Mund zu verdrehen.
Die Emotion liegt primär aufseiten des Betrachters, und die kann auch im Falle des Killianbandes viele Ursachen haben. Vermutlich wird jemand, der selbst eine bewegende Krankheitsgeschichte erleben musste, die Bilder wieder mit anderer Erschütterung anschauen als jemand mit medizinischem Wissen. Fotografien per se können weder schuldig noch unschuldig sein. Fotografien sind Fotografien. (Filme sind Filme, Bücher sind Bücher usw. Verwechseln Sie bitte Medien nicht mit Menschen.) Fotografien können aber natürlich einen Täterblick transportieren. Und genau da gilt es sorgsam zu differenzieren und hinzuschauen.
Damit Sie mich nicht ein weiteres Mal missverstehen: Die Kontextualisierung des Killianbandes ist gerade nach dem von Ihnen entdeckten Fund wichtig, der Blick des Fotografen ist - wie gesagt - präzise wie distanziert zu analysieren. Meiner Einschätzung nach könnte es sehr lohnenswert sein, den Killianband gerade unter Hinzunahme der diffamierenden Bildideologie, die die Nationalsozialisten unter dem Slogan „Entartete Kunst“ in die Bevölkerung trugen, eingehend zu betrachten. Gute Literatur existiert ja zum Thema.
Christoph Schaden

Christoph Schaden hatte in Photonews (Februar 2005) „The Photobook“ sehr wohlwollend besprochen und dieses ausdrücklich mit den Bildbeispielen aus Killians „Facies Dolorosa“ vorgestellt.

Originaltext von Hans Killian „Eine Wendung in der Serumtherapie“ (03.02.1943):

01.05.2006

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