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  Thomas Leuner "Nachgefragt" - Gespräche zur aktuellen Situation der zeitgenössischen Fotografie: "Die Honnef-Debatte"
von Redaktion

Die Honnef-Debatte ‒ Teil 1: Wo ist die künstlerische Fotografie geblieben?

In der Novemberausgabe der Kunstzeitung (2020) erschienen drei Artikel des wohl bekanntesten deutschen Publizisten und Ausstellungsmachers für Fotografie, Klaus Honnef. Diese Artikel mit den Titeln „Deutsches Institut für Fotografie: Warum nicht Dresden als Standort?“, „Die dunkle Seite der Moderne“ und „Frech und fulminant“ thematisieren wesentliche Fotodebatten des Coronajahres 2020: Was ist eigentlich der Stellenwert der künstlerischen Fotografie? Gehört sie ins Deutsche Institut für Fotografie? Ist Thomas Ruff der Gerhard Richter der Fotografie? Die Cancel Culture hat auch die Fotografie erreicht ‒ Diktat akademischer Eliten?

Die Drei Artikel sind auf S. 4, 14 19 unter lindinger-schmid.de/wp-content/uploads/2020/11/KUNSTZEITUNG-2020_11.pdf zu finden.

fotokritik.de:
Du nennst Klaus Honnef „den wohl bekanntesten Publizisten und Ausstellungsmacher für Fotografie“. Wie kommst du zu dieser Einschätzung?

Thomas Leuner:
Klaus Honnef ist so schillernd und mäandernd wie die deutsche Fotografieszene. Schon seit Beginn der Aufbruchsjahre, in den 1970ern, prägt diese Kultur das Hin und Her zwischen rotwangiger Handwerkskunst und dem Anspruch, doch eigentlich in der Kunstliga mitzuspielen. Honnef verbindet plastisch diesen Antagonismus in seiner Person und seinen öffentlichen Bekundungen, und das seit nunmehr fast 50 Jahren. Seine drei Artikel in der Kunstzeitung geben beredte Auskunft, wie dringend ein Generations- und Diskurswechsel über die gesellschaftliche und kulturelle Rolle des Mediums ansteht.

fotokritik.de:
Die Dringlichkeit eines Generations- und Diskurswechsels würde ich gerne direkt an dem Artikel „Deutsches Institut für Fotografie: Warum nicht Dresden als Standort?“ konkretisieren. Dabei finde ich die Frage des Institutsstandorts eher irrelevant, viel wichtiger erscheint mir die Aussage Honnefs über die künstlerische Fotografie, die er in diesem Kontext als marginal einordnet. Teilst du diese Ansicht?

Thomas Leuner:
Aus dem Artikel ergibt sich, dass Honnef nicht nur die künstlerische Fotografie aus dem Institut verbannen will. Er wertet sie auch ab. Mit der künstlerischen Fotografie habe sich das Medium in den letzten Jahren zwar eine künstlerische Legitimation erworben, aber zugleich auch ihre essenzielle, gesellschaftliche Qualität eingebüßt. Was man Klaus Honnef zugutehalten muss: Er hat die Nase im Wind und ist Trendverstärker. In der Tat ist die künstlerische Fotografie in der Krise, nur aus anderen Gründen, als Honnef annimmt. Es beginnt mit der Frage, was heute künstlerische Fotografie ist. Laut Honnef soll sie ihren Platz in den Museen gefunden haben. Aber die Zauberformel Fotografie im Museum gleich Kunstfotografie dürfte zu kurz gegriffen sein. Denn nicht nur die BecherschülerInnen, sondern auch FotografInnen, deren Arbeiten früher ihren Platz im Kunstgewerbe- oder Fotomuseum hatten, finden den Weg in die Museen. Bei Wikipedia heißt es, die Popularisierung der Fotografie durch die sozialen Medien und die digitale Herstellung habe zur Auflösung des Begriffs der künstlerischen Fotografie geführt.

fotokritik.de:
Ist es nicht eher so, dass durch die digitale Fotografie und ihren Gebrauch in den sozialen Medien neue fotografisch-künstlerische Werke entstehen? Dass es sich also nicht um eine Auflösung, sondern vielmehr um eine Erweiterung des Begriffs handelt?

Thomas Leuner:
Ja, ich weiß, an die Netzkunst werden hohe Erwartungen geknüpft, auch an die dort genutzte Fotografie in ihrer digitalen Form. Ich halte diese Erwartungen für überzogen. Von technischen Geräten abhängige künstlerische Arbeiten haben das große Manko, nicht in 3D vorzuliegen, also kaum in Ausstellungen oder Sammlungen aufgenommen zu werden. Hinzu kommt die völlige Abhängigkeit vom Netz und dessen Anbietern. Solange hier nicht staatliche Strukturen für Kontinuität sorgen, ist die Netzkunst der Willkür der Tech-Anbieter ausgeliefert.

Natürlich ist es richtig, dass die Digitalfotografie und ihre Nutzung im Netz eine Popularität gewonnen haben, die vor 20 Jahren noch unvorstellbar war. Das frühere Aschenputtel der Kunst ist zum beliebtesten Medium der Weltbevölkerung geworden. Hat das auch zur Folge, dass mehr oder neue Kunst durch und mit Fotografie entsteht? Eine gute Frage. Auf jeden Fall hat die Omnipräsenz der Fotografie große Auswirkung auf unsere Vorstellung von künstlerischer Fotografie. Wir sind in einer Umbruchsituation. Die analoge Fotografie mit ihrer Fine-Print-Kultur wurde nicht ergänzt, sondern abgelöst. Es gibt daher einen Trennungsschmerz und Verwirrung. Das noch tonangebende Personal unserer fotografischen Institutionen wurde in der analogen Fotowelt sozialisiert und aus ihrer Nische katapultiert. Weil jede Person jetzt technisch brillante Fotos machen kann und irgendwie auch FotokünstlerIn ist, brach für die KulturpessimistInnen unter ihnen ein Bildertsunami über uns herein, der die klassische Fotokultur begrub. Auf der anderen Seite stehen die, die schon immer der Meinung waren, Fotografie gehört ins Museum, ist aber keine Kunst. Denen ist es zu verdanken, dass einer Fotografie mit großen kommerziellen Interessen die Türen zu den Galerien und Museen geöffnet wurden. Dort sind nun Werke zu sehen, die, folgt man Klaus Honnef, „die neuen Ikonen für das kollektive Bildgedächtnis liefer[n]“.

fotokritik.de:
Im Artikel „Frech und fulminant“ bezeichnet Honnef die aktuelle Ausstellung von Thomas Ruff in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen als visuelle Reflexion über „the state of the art“ der Fotografie. In der Ausstellung hingen „fotografische Ready-mades“, die Honnef zweifeln lassen an den „dürftigen Fundamente[n], auf denen die Maßstäbe des ästhetischen Urteils über künstlerische Fotografie beruhen“.

Thomas Leuner:
Der Begriff „fotografische Ready-mades“ scheint mir ein Taschenspielertrick, der davon ablenken soll, dass es sich bei diesem Text um einen PR-Artikel handelt. Eine wichtige Ausstellung, ein Muss, Ruff als Gerhard Richter der Fotografie ‒ das sind klassische PR-Sentenzen. Interessant ist auch der Nachsatz „… und Ruff einer seiner besten Repräsentanten“ (der künstlerischen Fotografie). Daran wird deutlich, was Klaus Honnef unter künstlerischer Fotografie versteht. Es ist die Kunstfotografie des Kunstmarktes, also die der BecherschülerInnen und anderer, ganz vorne Thomas Ruff. Für diese laut Honnef „dürftigen Fundamente“ gibt es tatsächlich deutliche Anzeichen. Der neoliberale Zeitgeist der 90er-Jahre hat diese Fotografie als „Flachware in Gemäldedimension“ in den Kunstmarkt gehypt, längerfristig wird vieles davon wohl als „Salonkunst“ die Museumsdepots verstopfen.

fotokritik.de:
Kannst du das konkretisieren?

Thomas Leuner:
Wir müssen in die 90er-Jahre zurückschauen, um den damaligen Fotohype zu verstehen. Bis dahin gab es Fine-Art-Fotoprints auf dem Kunstmarkt im Format Grafik. Wobei, wegen des Versprechens der Authentizität, fotografische Bilder kaum als Dekoration für die Wand taugen. Die Innovationskraft der neuen, kunstmarktkompatiblen Fotografie bestand in ihrer schieren Größe, der Farbästhetik des Farbnegativfilms und der extremen Auflösung durch die Benutzung von Plattenkameras. Nicht von ungefähr wurde diese mediale Innovation an der Kunstakademie Düsseldorf entwickelt, einer Stadt der Messen und Werbeagenturen. Fotos in raumfüllender Dimension waren schon länger im Messebau bekannt und die Labors mit diesem Know-how in Düsseldorf ansässig. Es war nur ein kleiner Schritt, das neue Acrylglas auf Großfotos zu kleben und mit Rahmen in den Kunstmarkt zu schicken. Das löste auch den entsprechenden Wow-Effekt aus, besonders da die FotografInnen schon früh auf bildbearbeitungsfähige Computer zurückgreifen konnten. Nun ist das Wow weg, jede und jeder kann mit dem Handy und online hochästhetische Bilder für die Wand produzieren. Was die künstlerische Fotografie vor den Absturz in die Salonkunst bewahrt, ist einzig: Inhalt, Inhalt und nochmals Inhalt. Und da sieht es bei den BecherschülerInnen und NachfolgerInnen nicht gut aus. Medial ein Rückschritt, da wieder auf das fotografische Einzelbild zurückgegriffen wird. Thematisch KünstlerIn ohne Leidenschaft, denn Leidenschaft kommt immer auch von „leiden“. Woran leidet nun zum Beispiel Thomas Ruff? Er erzählt es uns nicht. Was sollen uns, den coronageschüttelten ZeitgenossInnen im Zeitalter von Populismus und Klimaerwärmung, seine Bilder sagen?

fotokritik.de:
Ich frage mich, warum Honnef beim geplanten Institut für Fotografie so rigoros gegen die Aufnahme der Kunstfotografie argumentiert und dennoch bei Ruff eine Lobeshymne anstimmt.

Thomas Leuner:
Man wähnt sich tatsächlich in einem totalitären System, in dem nur Kunstkritiken erscheinen dürfen, die systemrelevante KünstlerInnen feiern. Und wie unterlaufen die KritikerInnen die Zensur? Sie loben pflichtgemäß und verpacken ihre Kritik in Andeutungen, die vom wissenden Publikum verstanden werden. Man sieht geradezu Klaus Honnef in den (wahrscheinlich leeren) Ausstellungsräumen der Kunstsammlung herumlaufen und sich gequält fragen, was mach ich mit dieser *. Dann die rettende Idee: die „Ready-mades“! Ja, der Ruff! Der hat’s drauf!

fotokritik.de:
Zurück zu deiner Eingangsthese über den dringend gebotenen Generationswechsel. Wo liegen für dich die Generationsunterschiede?

Thomas Leuner:
Ich denke, Klaus Honnef ist der Großvater der KulturbloggerInnen und YoutuberInnen. Wenn man sich seine Biografie anschaut, wird das deutlich: Er ist einer der wenigen freiberuflichen Kulturschaffenden seiner Generation, der nicht seinen Platz in einer der neu entstehenden Kunst- und Fotoinstitutionen gefunden hat. Das ging natürlich in den 70ern und 80ern gut, die Jahre waren fett und dynamisch und boten kreativen Spielraum, um sich als Spitze der Kunst und Kultur zu fühlen. Nicht nur der Verlust der Kuschelszene des ausgehenden Kalten Krieges, sondern auch die sozialen Medien haben dieser Art Kulturschaffen ein Ende gesetzt. Eine unabhängige Kunstkritik kann auch nicht mehr den Schein aufrechterhalten, sie sei mehr als Ausstellungsbeschreibung im Dienste der PR. Diese brachiale Wirklichkeit wird von Klaus Honnef ignoriert, seine Enkelkinder sind da schon weiter: Niemand ist sich zu schade, kurz den eigenen Videobeitrag zu unterbrechen, um auf den sponsernden Werbetreibenden hinzuweisen. Natürlich ist dies auch ein totalitäres System, denn die Followergemeinde hat herauszuhören, was denn wirklich die Meinung der InfluenzerInnen ist. Die die sozialen Medien finanzierende Werbebranche und ihre abhängigen Plattformen mit unabhängigem Geist reiten zu wollen, führt geradewegs in die honnefsche Paranoia.

Hinweis der Redaktion: «Nachgefragt», die Honnef-Debatte -Teil 2, befasst sich mit dem Thema «Die Cancel Culture hat auch die Fotografie erreicht» und erscheint in Kürze.

10.03.2021