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  Roland Angst – "Fotos der Woche" – 2020
von Redaktion

Nach zwölf Jahren kontinuierlicher Ausstellungstätigkeit schloss der Galerist und Verleger Roland Angst 2020 seine Galerie „only photography“ in Berlin-Charlottenburg. In seinen regelmäßig erscheinenden Newslettern berichtete er von seinem beruflichen und privaten Alltag als Galerist und fügte jedem Newsletter ein „Foto der Woche“ mit kurzer Würdigung bei. Diese „Fotos der Woche“ repräsentieren die künstlerische Ausrichtung und das Verständnis von Fotografie, das die Galerie und der Verlag vertraten. Es ist die Welt der klassischen Schwarz-Weiß-Fine-Art-Prints und die bis in die 1920er-Jahre zurückreichende deutsche Fotobuchkultur. Dabei hat Roland Angst eine Auswahl getroffen, die auch für hiesiges Publikum unbekannte Fotografen aus Japan, Deutschland und den USA miteinbezieht, wobei der Schwerpunkt auf den Werken von Fotografen liegt. Bei der Entstehung der Bücher und Ausstellungen stand neben der individuellen künstlerischen Arbeit besonders die enge Zusammenarbeit mit den Fotografen im Fokus. Es ist eine Welt mit hohem ästhetischem Anspruch, die sich dem Zeitgeist der digitalen und sozialen Medienfotografie entzieht.

Die Redaktion von fotokritik.de hat eine Auswahl der „Fotos der Woche“ zusammengestellt, um einen Einblick in die Bilder- und Gedankenwelt von Roland Angst zu geben. Wir bedanken uns für seine Zustimmung zur Veröffentlichung.

Die besprochenen Bilder finden Sie im Bilderblog: www.fotokritik.de/imgblog_44.html


Foto Nr. 1
Wilhelm Schürmann, Eingang zum Paradies, 2015


Wilhelm Schürmann ist ein Künstler und Freund: Ich schätze seine Arbeiten, vor allem aber unsere Gespräche im ständigen Austausch. Und sein ganz besonderes Auge, das er in seiner fotografischen Arbeit über Jahrzehnte erworben hat. Wahrscheinlich noch mehr in der Auseinandersetzung mit den Arbeiten und deren Protagonisten selbst, als er gemeinsam mit seiner Frau Gabi eine unvergleichliche Sammlung zeitgenössischer Kunst zusammengetragen hat. Und immer noch tut. Für die, die Wilhelm Schürmann nicht kennen sollten, hier ein paar kurze biografische Daten: 1946 in Dortmund geboren, begann die erste professionelle Verbindung zur Fotografie über seine kurzzeitige Arbeit als Fotojournalist. 1973 gründete er zusammen mit Rudolf Kicken in Aachen eine der ersten Fotogalerien in Deutschland. Nachdem er die Partnerschaft nach wenigen Jahren gelöst hatte, unterrichtete er von 1981 bis 2011 als Professor für Fotografie an der Fachhochschule Aachen. Da das Sammeln immer mehr Raum in seinem Leben eingenommen hat, war die eigene Fotografie – vor allem seine Ausstellungsaktivitäten – in den Hintergrund getreten. Trotzdem hat Schürmann unablässig weiter fotografiert, bis etwa 2010 analog und vorwiegend schwarz-weiß. Und von da an digital und meist in Farbe. Das Foto der Woche, „Eingang zum Paradies“, steht wie kaum ein anderes exemplarisch für Wilhelm Schürmanns Blick auf die Welt. Die Fassade eines Ost-Berliner im Umbau befindlichen Clubs mit Namen „Paradies“ vermittelt ein ganzes Füllhorn von Assoziationen. An die Farbigkeiten der DDR-Obrigkeit, die verschlossenen Türen zum Paradies oder auch an Bilder von Kasimir Malewitsch. In einem Motiv, an dem fast alle ohne es zu bemerken vorübergehen, findet Wilhelm Schürmann neben der Poesie eben auch so viel Geschichte und gegenwärtige Befindlichkeiten. Alles, was ein gutes Bild ausmachen sollte.


Foto Nr. 2
Timm Rautert, aus der Serie Amish, 1974


Timm Rautert, geboren 1941 in Westpreußen, wuchs in Fulda/Hessen auf. Nach einer Lehre als Schaufenster- und Plakatgestalter studierte er von 1966 bis 1971 bei Otto Steinert an der Folkwang Schule. In den 70er- und 80er-Jahren arbeitete er vorwiegend als Fotojournalist für bekannte Magazine wie das der ZEIT, aber auch für Geo und Merian. Auf einer seiner vielen Reisen entstanden auch die Aufnahmen zum Buch „New York 1968 / Tokyo …“, das ich zu seinem 70. Geburtstag fertiggestellt habe. Timm Rautert war darüber hinaus als erfolgreicher Professor für Fotografie an der HGB Leipzig tätig, an der er von 1993 bis 2007 mehr als eine Generation von Fotografen unterrichtet hat. So u. a. Claudia Angelmaier, Bernhard Fuchs, Ricarda Roggan und Tobias Zielony. Im Jahr 2008 erhielt er den Lovis-Corinth-Preis für sein Lebenswerk. Seine Arbeiten befinden sich in fast allen wichtigen Sammlungen des In- und Auslands und wurden seit 1973 in zahlreichen privaten und öffentlichen Häusern gezeigt. Unser Bild der Woche ist aus der Amish-Serie von 1974, ein großer Vintage-Abzug im Format 45 × 30 cm. Die für die Amish so typische Kutsche im Vordergrund hat Timm Rautert vom erhöhten Standpunkt aus aufgenommen. Die eigentliche Szenerie spielt sich im Hintergrund ab – die große Gruppe von vorwiegend jugendlichen Amish in ihrer typischen Kleidung. Die Gruppe steht auf einer sonst leeren Wiese, man kann nur rätseln, was sie eigentlich dort tun. Aufgrund der großen Distanz zum Motiv des aufnehmenden Künstlers, aber auch wegen des vorherrschenden Nebels verschwindet das dahinterliegende Dorf fast vollständig. Und verleiht dem Bild eine dreistufige Tiefe.

Foto Nr. 3
Viktor Kolář, Ohne Titel, Ostrava, 1978


Dies ist eine meiner Lieblingsaufnahmen von Viktor Kolář. Porträts ohne Köpfe, gleichzeitig ein-, aber auch vieldeutig. Ganz reduziert und doch voller Geschichten. Die Taschen und Mäntel im Jahr 1980 in der Tschechoslowakei legen sofort die Vermutung nahe, dass es sich hier um Staatsbeamte handelt. Vielleicht sogar vom berüchtigten Geheimdienst. Oder auch nur um ein nettes Schwätzchen zweier Bürokollegen. In den Jahren der Bespitzelung und Verfolgung der demokratischen Kräfte in der von den Russen besetzten Tschechoslowakei sind solche Assoziationen evident. Und sicher auch von Viktor gewollt. Nach seinem 5-jährigen Aufenthalt in Kanada – er war 1968 beim Einmarsch der Russen dorthin emigriert – wurde er von den Behörden zuerst verhaftet und dann 3 Jahre zur Zwangsarbeit in das Stahlwerk von Nowa Huta gesteckt. Und mit einem Berufsverbot belegt, das erst 10 Jahre später wieder aufgehoben wurde. Trotzdem hat er ständig weiter fotografiert und die Dokumentation seiner Heimatstadt Ostrava von 1968 bis heute fortgesetzt.

Foto Nr. 4
Issei Suda, Hakata, Fukuoka, 1979


Unser Foto der Woche, „Hakata, Fukuoka“, ist eine der ersten Arbeiten von Issei Suda, die ich erworben habe. In diesem Bild kann man nahezu alle Stärken und Charakteristiken seines Werks finden. Nach einigen Jahren als Bühnenfotograf ist sein Blick immer ein „Bühnen-Blick“ geblieben. Mehrere Jahre ist er mit Shūji Terayama und seiner Crew auf Theatertourneen unterwegs gewesen. Shūji Terayama – Japans wichtigster Philosoph, Künstler und Theaterdirektor der 60er- und 70er-Jahre – hat Issei Suda nachhaltig beeinflusst. Unser heute vorgestelltes Motiv ist surreal, aber gleichzeitig real. Beiläufig und trotzdem irgendwie magisch. Im Gegensatz zu den aufgeladenen Bildern von Araki oder der experimentellen Nutzung von Film und Kamera in der Arbeit der Provoke-Künstler waren Sudas Bilder in gewisser Weise konventionell. Aber als er von der Bühne auf die Straße wechselte, erwies sich sein „Bühnen-Auge“ als besondere Stärke. Die Fähigkeit, gewöhnliche Bilder in magische zu verwandeln. Szenen zu sehen und festzuhalten, an denen die Mehrzahl von uns achtlos vorübergeht. Gelang es ihm am Ende doch, sie in Kunstwerke zu verwandeln. Er blieb mit seinem Objektiv immer nah an den Subjekten seines Interesses. Unter anderem aufgrund einer frühen Drogenbekanntschaft hatte er sein Leben lang gesundheitliche Probleme. Aber das ständige Auf und Ab hielt ihn nicht davon ab, permanent zu fotografieren. Ein besonderes Highlight in Issei Sudas und auch in der japanischen Fotografie der Nachkriegszeit insgesamt ist die Serie „Fushi Kaden“. Issei Suda stand viele Jahre im Schatten seiner Zeitgenossen Shōmei Tōmatsu, Daidō Moriyama und der anderen Provoke-Künstler. Wahrscheinlich auch, weil er nicht den Erwartungen des westlichen Publikums an die japanische Fotografie der Zeit entsprach. Wobei Japans Fotografie erst sehr spät die ihr zustehende Anerkennung im Westen gefunden hatte.

Foto Nr. 5
Kenneth Josephson, Chicago, 1962


Unser Künstler der Woche ist heute Kenneth Josephson. Nachdem ich schon 2009 mein erstes Buch mit einem Künstler der Chicago Group gemacht hatte („Ray K. Metzker. AutoMagic“), war „Kenneth Josephson. Selected Photographs“ der zweite Anlauf in meinem Bestreben, die wichtigsten Absolventen des berühmten Art Institute auch in Europa einem größeren Kreis von Interessenten bekannt zu machen. Als ich Kenneth bei einem Besuch meines Freundes Stephen Daiter Anfang 2013 in Chicago persönlich kennenlernte, war er gerade erst einigermaßen von einem Herzinfarkt genesen. Aber er scherzte unablässig, wobei seine Frau Marilyn Zimmerwoman (eigentlich Zimmerman, sie hatte ihren Namen im Zuge der amerikanischen Emanzipationsbewegung in Zimmerwoman ändern lassen) wesentlich zur allgemeinen Heiterkeit beitrug. Ken war, trotz schon über achtzig, quicklebendig. Und die Vorauswahl der Bilder für das geplante Buch verlief völlig entspannt. Zum Abschied schenkte er mir die Erstausgabe seines „Bread Book“, damals eine besondere Rarität wegen der extrem geringen Auflage. Inzwischen habe ich zusammen mit der University of Texas Press einen Reprint herausgegeben. Kenneth Josephson, 1932 in Denver geboren, wurde nach Abschluss der Schule 1953 von der US-amerikanischen Armee nach Deutschland geschickt. Dort wurde er in der Luftbildfotografie und Fotolithografie ausgebildet. Nach seiner Rückkehr schloss er 1957 sein Studium (u. a. bei Minor White) am Rochester Institute of Fine Arts mit dem BA ab. Seine anschließenden Studien bei Aaron Siskind und Harry Callahan am Institute of Design des Illinois Institute of Technology beendete er 1960 erfolgreich mit dem Master-Examen. Er blieb dort bis zu seiner Pensionierung 1997 als Lehrer tätig. Gleichzeitig gründete er 1963 mit zahlreichen anderen bekannten Kollegen die Society for Photographic Education. Seine konzeptionellen Arbeiten besaßen auch schon für die damalige Zeit eine besondere Bedeutung innerhalb der fotografischen Szene und darüber hinaus. Wohl am bekanntesten ist sein Bild, in dem er eine Postkarte, auf der ein Schiff abgebildet ist, mit eigener Hand und Arm auf dem Meereshorizont positioniert und dann fotografiert. Unter anderem hat Stephen Shore dieses Foto für sein Buch „The Nature of Photographs“ als Umschlagmotiv verwendet. Kenneth Josephson gehört zweifellos zu den wichtigsten Fotografen nach dem Zweiten Weltkrieg. Seine oft konzeptionellen Arbeiten wurden vielfach ausgestellt und befinden sich in allen wichtigen Museen der Welt. Unser Foto der Woche, „Chicago, 1962“, versinnbildlicht Kenneth Josephsons ganze Poesie und sein besonderes Auge auf die Dinge seiner Umgebung: Ein auf den ersten Blick willkürlich aufgehäufter Berg von alten Autoreifen entwickelt durch einen einzigen Weißwandreifen so etwas wie Leben. Ein profanes Motiv wird zu einem spannenden Bild.

Bild 6
Stephen Shore, Brand Street, Regina, Saskatchewan, August 17, 1974, 1974


Lange habe ich überlegt, ob ich Stephen Shore als Künstler der Woche wählen soll. Ich folge ab und zu seinen Posts auf Instagram und bin jedes Mal enttäuscht über die Belanglosigkeit seiner neuesten Bilder. Er hat zwar in einem Interview erklärt, er wolle während der Pandemie nicht auch noch Bilder machen, die die Depressionen in der schon politisch gespalteten Gesellschaft der USA noch verstärken würden. Aber deshalb völlig belanglose Wiesenstücke und nichtssagende Landschaften zu posten, ist seinen Qualitäten nicht angemessen. Ich hatte schon vorher beobachtet, dass der Kommerz, die Ansprüche des Marktes, ihn zu falschen Entscheidungen verleitet hatten. In einer Ausstellung bei C/O Berlin vor etwa zwei Jahren war das deutlich zu sehen: Neben den atmosphärischen frühen Vintage-Contact-Prints von der 8-×-10-Inch-Großformat-Kamera konnte man dort die wesentlich größeren Inkjet-Prints von den frühen Aufnahmen sehen. Und obwohl technisch perfekt, nie auch nur annähernd an die Aura der Abzüge aus den 70er-Jahren heranreichen. Selbst die manchmal verblichenen Vintage-Prints haben mehr Magie als die aufgeblasenen Neuabzüge. Was mich dann doch bewogen hat, Stephen Shore als Künstler dieser Woche zu wählen, war der gerade erschienene Titel „Transparencies, Small Camera Works 1971–1979“. In diesem Buch entfaltet sich noch einmal die ganze Kraft seiner Bilder aus einer Zeit, in der John Szarkowski, Leiter des Photography Department am MOMA, 1973 die ersten Farbfotografien des jungen Stephen Shore ankaufte (übrigens für 15 Dollar pro Bild). Stephen Shore, 1947 in New York geboren, bekam schon mit 6 Jahren von einem Onkel eine Kodak-Junior-Dunkelkammer geschenkt, mit 9 Jahren bekam er seine erste 35-mm-Kamera. 1961 kaufte Edward Steichen drei Arbeiten für das Museum of Modern Art an, Shore war gerade mal 14 Jahre alt. Beeindruckt von Walker Evans’ bahnbrechendem Werk „American Photographs“, erschienen 1938 zu dessen Ausstellung im MOMA, brach Shore in den 1970er-Jahren auf zu einer Reise quer durch die USA. Und mit dem später veröffentlichten Buch „Uncommon Places“ steht diese Serie, diesmal in Farbe, auf einem ähnlichen Niveau wie die Arbeit seines großen Vorbilds. Zu einer Zeit, als in Deutschland Farbfotografie noch verpönt war, hat Stephen Shore zusammen mit William Eggleston die Meilensteine amerikanischer Farbfotografie gesetzt. Unser Foto der Woche, „Brand Street, Regina, Saskatchewan, August 17, 1974“ zeigt eine typische Straßenkreuzung in einer ländlich geprägten Kleinstadt. Regina ist die Hauptstadt der kanadischen Provinz Saskatchewan. Und obwohl deutlich nördlicher gelegen als die Staaten des Mittleren Westens der USA, unterscheidet sich das Straßenbild unwesentlich. Die Gebäude etwas stabiler, dem Klima angepasst, ist die Dominanz des Autos auch hier deutlich erkennbar. Aber zumindest sind einige Passanten unterwegs, was in den Bildern u. a. aus Texas oder Wyoming selten der Fall ist.

Bild 7
Michael Schmidt, aus der Serie Frauen, 1999


Unser Künstler der Woche ist diesmal Michael Schmidt. Vorgestern traf sein 400-seitiger Katalog ein. Für die Retrospektive im Hamburger Bahnhof, die dort am Sonntag eröffnet wird. Die von Thomas Weski (Direktor des Archivs Michael Schmidt) zusammengestellte Schau soll alle wichtigen Werkgruppen des Künstlers enthalten. Michael Schmidt, 1945 in Berlin geboren und 2014 ebendort gestorben, gehört zu den wichtigsten Künstlerfotografen Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Die vorwiegend schwarz-weißen Bilder drehen sich häufig um seine Heimatstadt Berlin, aber auch um die Lebenswirklichkeiten in den beiden deutschen Staaten. In der Serie „Lebensmittel“ (2013) verwendete er zum ersten Mal auch Farbfotografie. Die Serie wurde u. a. auf der 55. Biennale di Venezia gezeigt, anlässlich der Verleihung des Prix Pictet auch im Victoria and Albert Museum, London. Michael Schmidt war einer der wenigen deutschen Fotografen, die eine Einzelausstellung im New Yorker Museum of Modern Art hatten, 1996 mit der Serie „U-ni-ty“ (Einheit). Neben seinen zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen war er immer wieder als Lehrer tätig. In den siebziger Jahren an den Berliner Volkshochschulen Kreuzberg und Neukölln. Später an der Gesamthochschule Essen und an der Sommerakademie in Salzburg. Seine oft sehr spröden Bilder spiegeln seine Persönlichkeit wider. Dieser Eindruck hatte sich mir bei den zwei Gelegenheiten zur persönlichen Begegnung bestätigt. Unser Foto der Woche ist aus seiner Serie „Frauen“. Mit den fast kontrastlosen Grauwerten, der geradezu lapidaren Darstellung einer unbekleideten jungen Frau passt die Serie nahtlos zu seinen kompromisslosen Städtebildern. Völlig unspektakulär wird die junge Frau fast schüchtern ins Bild gesetzt. Trotzdem selbstbewusst, unterscheidet sich der Akt deshalb grundlegend von den vordergründig erotischen Bildern vieler Kollegen.

Bild 8
Peter Keetman, BMW-Kotflügel, 1956


Unser Foto der Woche ist diesmal von Peter Keetman. Ein Motiv, das – während Diskussionen über mögliche Subventionen für Autokäufer in Gange sind – eine besondere Aktualität bekommt. Die große Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft von der Autoindustrie, der seit Jahren ständig steigende Anteil von CO2-Schleudern bei den Autokäufen versinnbildlicht im Kotflügel eines BMW aus den sechziger Jahren. Aus einer Zeit, in der Umweltfragen nicht relevant waren, es ging vielmehr um die Steigerung des Bruttosozialprodukts, Zurschaustellung des steigenden Wohlstands. Und nichts war dafür besser geeignet als eine Edelkarosse. Peter Keetman wurde 1916 geboren und wuchs in einem wohlhabenden Elternhaus in Wuppertal auf. Nach seinem Studium an der Bayerischen Staatslehranstalt für Lichtbildwesen von 1935 bis 1937 wurde er 1940 zu den Eisenbahnpionieren eingezogen. 1944 kam er schwer verletzt aus dem Krieg zurück. Wieder genesen, kehrte er an die Bayerische Staatslehranstalt für Lichtbildwesen zurück, diesmal in die Meisterklasse. 1948 schloss er das Studium mit der Meisterprüfung ab. 1949 war er Gründungsmitglied der avantgardistischen Gruppe fotoform, zusammen u. a. mit Otto Steinert, Ludwig Windstosser, Toni Schneiders und Siegfried Lauterwasser. Als freiberuflicher Werbe- und Pressefotograf war er mit seinen Bildern ständig in Ausstellungen, Zeitschriften und Periodika vertreten. Eine besonders wichtige Serie in seinem Werk sind die Bilder aus dem Volkswagenwerk von 1953, in denen er dem deutschen „Volksauto“, dem Käfer, mit seinen ungewöhnlichen Ausschnitten von Karosseriedetails und Fließbandtechnik ein Denkmal setzte. In meinem Bestand befinden sich zahlreiche Arbeiten der Gruppe, die ich über Jahre für eine große internationale Ausstellung gesammelt habe. Sie wird leider wegen der augenblicklichen Situation, wie viele andere auch, mindestens um 18 Monate verschoben.

Bild 9
Kazuo Kitai, aus der Serie Teiko, 1968


Unsere Fotografie der Woche ist diesmal von Kazuo Kitai. Ein Vintage-Print von 1968, der Zeit der heftigen Proteste gegen den Ausbau des Tokioter Flughafens Narita. Die Unruhen waren wesentlich gewaltvoller als die 68er-Proteste in Europa. Für Japan besonders ungewöhnlich, da gewaltvoller Widerstand gegen die Obrigkeit im traditionell hierarchischen Japan in diesem Ausmaß nie stattgefunden hatte. Kitai bewegte sich inmitten der protestierenden Bauern und Studenten. An vorderster Front gelangen ihm Bilder, die weit über Kriegsberichterstattung hinausgehen. Unser Bild der Woche zeigt über den Kopf eines Kombattanten die besondere Härte der Auseinandersetzungen. Kazuo Kitai, geboren 1944 in Anshan (China), zählt neben Nobuyoshi Araki, Daidō Moriyama, Takuma Nakahira und Shōmei Tōmatsu zu den bedeutendsten japanischen Fotografen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er beschäftigte sich immer wieder mit politisch-gesellschaftlichen Entwicklungen. Im Gegensatz zu seinen genannten Kollegen fand er seine Themen häufig auf dem Land, außerhalb der Großstädte. Sein Interesse an den Zuständen in den Dörfern und der Landwirtschaft Japans hat er in dem preisgekrönten Buch „Mura-e/To the Village“ festgehalten. Kazuo Kitais Kommentar, als er meine Interpretation von „Mura-e“ zum ersten Mal gesehen hatte: „Durch dein Buch habe ich viele meiner Bilder neu gesehen.“ Das hat mich stolz gemacht. Einige Bilder sind zurzeit im Rupertinum Salzburg im Rahmen einer Ausstellung zur japanischen Fotografie zu sehen.

Bild 10
Wolfgang Tillmans, aus der Serie Abstract Pictures, 2008


Unser Künstler der Woche ist diesmal Wolfgang Tillmans. Passend zur augenblicklichen Situation, ist er jemand, der sich von Beginn an mit den politischen Fragen der Zeit beschäftigt. Wie u. a. in seiner mit großem Aufwand betriebenen Anti-Brexit-Kampagne. Und er ist ein Künstler, der, soweit ich das richtig interpretiere, seine Ausstellungen und deren Dokumentationen als zumindest genauso wichtig einordnet wie seine fotografischen Arbeiten selbst. Deshalb empfinde ich es nicht unbedingt als Nachteil, wenn wir diesmal nur einen Abzug anbieten können. Seine wichtigen Arbeiten sprengen auch bei Weitem den bei uns üblichen Preisrahmen. Wolfgang Tillmans, geboren 1968 in Remscheid, gehört zweifelsfrei zu den wichtigsten Fotokünstlern der Gegenwart. Ende der 80er-Jahre in Hamburg entstanden die ersten wichtigen Porträts junger Leute, vorwiegend von Musikern. Seine Verbindung zur dortigen Rave-Szene brachten seine Bilder in wichtige Magazine, kurzzeitig war er Mitherausgeber von Spex. Seine Beschäftigung mit der Musik begleitet ihn seither ständig. Nach seinem Studium im englischen Bournemouth zog er zuerst nach London und 1994 für ein Jahr nach New York. Von 2003 bis 2006 hatte er eine Professur für interdisziplinäre Kunst an der Städelschule in Frankfurt/Main. Mit der Gestaltung des AIDS-Memorials in München, der Eröffnung des nichtkommerziellen Ausstellungsraumes „Between Bridges“ in London (seit 2014 in Berlin) und der Produktion von Musik-Videoclips hat er immer wieder aufs Neue seine künstlerische Vielfalt unter Beweis gestellt. Inzwischen mit zahlreichen wichtigen Preisen ausgezeichnet (u. a. erhielt er 2000 als erster Fotograf den Turner Prize, 2012 den Hasselblad Foundation Award), ist er seit 2012 auch Mitglied der Akademie der Künste, Berlin und seit 2013 der Royal Academy of Arts, London. Sein Engagement für politisch-gesellschaftliche Fragen, sein Einsatz für Randgruppen und Benachteiligte sind von seinem künstlerischen Werk nicht zu trennen. Einer seiner wichtigsten Sätze, geäußert 2000 in einem Interview mit der ZEIT, bezieht sich auf das Medium Fotografie: „Obwohl ich weiß, dass die Kamera lügt, halte ich doch fest an der Idee von einer fotografischen Wahrheit.“

Bild 11
Shōmei Tōmatsu, Evident absence, Michiko Takahashi, Actress Tokyo, 1971


Unser heutiges Foto der Woche ist von Shōmei Tōmatsu. Als ich ihn im Frühsommer 2012 in seiner Wohnung in Okinawa besucht habe, war er schon vom Tode gezeichnet. Die Kommunikation war nur dadurch möglich, dass ein deutscher Dozent, der an der dortigen Kunsthochschule unterrichtet, übersetzt hat. Trotzdem sind einige Details unseres Gesprächs auf beiden Seiten nur bruchstückhaft angekommen. Shōmei Tōmatsu war als schwierig bekannt, vor allem in den Verhandlungen mit Besuchern aus dem Westen. Umso überraschter war ich, als er meine Auswahl für unser Buch ohne Einwände akzeptiert hat. Das erste gedruckte Exemplar hat er nur einige Wochen vor seinem Tod zu sehen bekommen. Und mir einen Brief geschrieben, in dem er sich nachdrücklich für das Buch bedankte. Tōmatsu hatte schon ab Ende der 90er-Jahre wegen seiner gesundheitlichen Probleme keine Silbergelatine-Abzüge mehr gemacht. Ich war sehr froh, dass er zustimmte, mir eine Auflage von 5 Exemplaren unseres heutigen Motivs zu machen, das dann auch unser Umschlagmotiv geworden ist. Shōmei Tōmatsu, 1930 in Nagoya geboren, war sicher einer der bedeutendsten Fotografen Japans nach dem Zweiten Weltkrieg. Nach Aussage von Experten wohl der bedeutendste. Anerkannt und geschätzt wurde er vor allem auch von Kollegen – Moriyama z. B. bezeichnete ihn als seinen „Godfather“. Dem Aufruf zur Verabschiedung von ihm im Frühjahr 2013 in Tokio folgten 7 000 Menschen. Wegen eines Vorfalls mit einer seiner Nichten auf dem amerikanischen Stützpunkt in Okinawa hatte Tōmatsu zeit seines Lebens kein gutes Verhältnis zum Westen. Nicht zuletzt deshalb fanden so gut wie keine monografischen Ausstellungen seiner Arbeiten im Westen statt. Auch die Veröffentlichungen sind fast ausschließlich in Japan erschienen. Neben dem Buch zur Wanderausstellung in Washington, San Francisco und Winterthur zwischen 2004 und 2006 war unser Buch bis dato das einzige in englischer Sprache. Zur Finanzierung des kostspieligen Projekts hat mir Shōmei Tōmatsu 50-mal Japanpapiere in Kanji mit dem Pinsel signiert.

Foto 12
Ray K. Metzker, Chicago, 1958


Unser Foto der Woche, „Chicago“ von Ray K. Metzker, ist ein weiteres Beispiel für ein großes Bild im kleinen Format (203 × 254 mm). Auf den ersten Blick wirkt der Vintage-Print beinahe schwarz. Erst bei näherem Herangehen werden die zahllosen Graustufen sichtbar und geben der Szenerie trotz sparsamem Lichteinfall eine ungewöhnliche Tiefe. Betrachtet aus verschiedenen Richtungen, wirkt das Bild fast dreidimensional. Ray beweist wieder einmal, dass er nicht nur über ein außergewöhnliches Auge verfügte, sondern auch ein herausragender Printer war. Er gehörte in den 50er-Jahren neben Kenneth Josephson, Joseph Sterling und Charles Swedlund zu den Meisterschülern von Aaron Siskind und Harry Callahan am Institute of Design, Chicago. Selbst empfand er sich als intellektuellen Wanderer. Und das bezog sich nicht vordergründig auf seine häufigen Reisen, sondern im Besonderen auf seine nie endende Experimentierlust. Doppel- und Mehrfachbelichtungen, Montagen und Collagen – er nutzte alle Möglichkeiten einer kamerabasierten Arbeit. Er war nie wirklich zufrieden mit den Ergebnissen seiner Anstrengungen. Gerade wenn etwas auf den ersten Blick einfach erschien, hat es ihn umso mehr angespornt weiterzusuchen. 1931 geboren, hatte er nach verschiedenen Stationen schließlich seine Heimat in Philadelphia gefunden, wo er Jahrzehnte am Philadelphia Institute of Art unterrichtet hat. Dem Ort, an dem er 2014 gestorben ist. Und an dem seine Witwe Ruth Thorne-Thomsen, selbst eine besondere Künstlerin, heute noch im gemeinsam erbauten Haus lebt. Auf mein erstes Buch mit ihm von vor über 11 Jahren bin ich immer noch sehr stolz. Obwohl ich in allen Jahren praktisch immer das gleiche Papier für meine Bücher zu verwenden versuchte, ist es mir nicht gelungen, den identischen Papierton des Buches „Automagic“ wieder zu bekommen. Deshalb gehört dieses Buch, zumindest drucktechnisch, zu den absoluten Highlights in meinem Programm. Wir hatten jahrelang ausreichend Exemplare, als Ray aber im Oktober 2014 verstarb, setzte ein massiver Run auf den Titel ein. Wahrscheinlich auch, weil alle Bücher noch persönlich von ihm signiert sind. Mein zweites Buch zu seiner Arbeit, „Ray Metzker Unknown“, erschien vor gut 18 Monaten. Und ist, ebenso wie „Automagic“, so gut wie ausverkauft.

23.03.2021

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Schlagworte: Roland Angst, Fotos der Woche, onlyphotography, Wilhelm Schürmann, Timm Rautert, Viktor Kolář, Issei Suda, Kenneth Josephson, Stephen Shore, Michael Schmidt, Peter Keetman, Kazuo Kitai, Wolfgang Tillmans, Shōmei Tōmatsu, Ray K. Metzker
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