Das Fotografieren & die Aufmerksamkeit & das Selfie - ein Essay
von Hans Durrer
Das Fotografieren & die Aufmerksamkeit & das Selfie
Essay
Seit nunmehr fast zwanzig Jahren macht eine befreundete Fotografin, die ihr Leben lang gestalterisch tätig gewesen ist, regelmässig Fotos von mir. Als sie dann eines Tages ihre Kameras (es waren in der Regel zwei) nicht dabei hatte und stattdessen ihre Handykamera zum Einsatz brachte, war ich zuerst enttäuscht, doch die Qualität der Aufnahmen war so ziemlich die gleiche, jedenfalls für mein ungeschultes Auge.
Auch ich selber habe vor einigen Jahren gewechselt und fotografiere seither fast täglich mit einer Handykamera. Fast immer auf Spaziergängen, in den Bergen, an Seen, in Städten und am Meer.
Ich gehe ohne Ziel los, habe keinen Plan, was ich zu fotografieren beabsichtige, setze mich einfach einer neuen Umgebung aus und schaue – was es da gibt, was mir durch den Kopf geht, worauf sich meine Aufmerksamkeit richtet.
Oft achte ich auf Blumen am Strassenrand. Es gibt sie allüberall, auch in den zubetonierten japanischen Städten. Ich zoome sie heran, warte bis sich das Kamerauge scharf eingestellt hat, und drücke ab. Die Bilder, die dabei herauskommen, zeigen mir Blumen, die ich von blossem Auge so nicht sehen könnte. Mir eröffnet sich eine bis dahin unbekannte Welt voller Details, die mich in Entzücken versetzt.
Tottori, Japan, 7 Oktober 2025a
Für vieles andere (etwa Hausfassaden) eignet sich meine Handykamera allerdings nicht, weil da gerade Linien schräg herauskommen, und so habe mich darauf beschränkt, nahe ran zu gehen und Ausschnitte abzulichten. Einzurahmen, was ist, bedeutet zu gestalten.
Tottori, Japan, 9 Oktober 2025
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Alles im Leben ist in stetiger Veränderung begriffen. Wir wissen das, doch dieses Wissen hilft wenig. Wir fühlen uns orientierungslos und so suchen wir Halt, bemühen uns um Stabilität und Sicherheit, auch wenn wir wissen, dass es sie nicht geben kann. Sinnvoller wäre, uns immer mal wieder kontraintuitiv zu verhalten, stattdessen tun wir das Gegenteil und glorifizieren unser Bauchgefühl.
Verloren im Universum bedürfen wir der ständigen Selbstvergewisserung. Der Mensch handelt, wie er handelt, um sich seiner Selbst zu vergewissern. Es ist unser Ego, das uns am Leben hält, und dieses ist unseren Emotionen (und nicht etwa der Ratio) unterworfen.
Die Fotografie trägt zu unserer Orientierung bei. Ein Foto ist eine Art Versicherung. Was fotografiert wird, befindet sich im Moment der Aufnahme vor dem Kameraauge. Das Foto gilt uns als Beweis, das etwas existiert (hat).
Das Selfie vor dem Eiffelturm bezeugt, dass ich in Paris gewesen bin. Vor allem jedoch unterstreicht es, dass es mich gibt. Der tiefere Grund für die Selfies ist die Selbstbestätigung: Schaut, mich gibt es, ich existiere.
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Mein eigenes Fotografieren ist ein anderes. Mich motiviert das Staunen darüber, was es alles gibt. Und mich fasziniert die Schönheit. Es ist ungemein tröstlich, dass es sie gibt.
Ich begreife das Fotografieren als eine Entdeckungsreise. Dabei lerne ich auch, dass sich gar vieles nicht (oder nur schlecht) fotografieren lässt.
Von Hiroshima mit dem Shinkansen in Shin-Osaka eintreffend, erreiche ich trotz des geschäftigen Ameisenhaufens an japanischen Bahnhöfen – Ich bin vollkommen baff, dass das alles funktioniert – meinen Anschlusszug zum Flughafen, lehne mich in meinem Sitz zurück und betrachte die vorbeiziehende Betonlandschaft, in der ständig futuristische Gebäude auftauchen, die ich im Bild festhalten möchte. Doch der Zug ist zu schnell. Das klappt nicht, das kann nicht klappen, sagt es so in mir, bis ich dann doch die Handykamera zur Hand nehme und vollkommen erfolglos versuche, Fotos hinzukriegen, die in etwa dem entsprechen, was meine Augen mir zeigen. Nach wenigen Minuten gebe ich auf und beschliesse die Fahrt zu geniessen, also die Bilder an mir vorbeiziehen zu lassen.
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Fotografieren ist ein Akt des Festhaltens, der Augenblick soll nicht einfach so vorbeigehen, sondern nach Belieben abgerufen werden können. Nicht flüchtig soll er sein, sondern Bedeutung haben. Die Fotografie ist der Versuch, die Welt anzuhalten, das Jetzt zum Stillstand zu bringen, es quasi einzufangen.
Unser Wissen, dass alles in ständiger Veränderung begriffen ist, ändert absolut gar nichts an unserer Sehnsucht, der Augenblick, jedenfalls der schöne, möge verweilen. Das ist der wesentliche Grund für die Fotografie (wenn auch nicht für die sozial engagierte Fotografie), denn was sie bezeugt (ja, wir wissen, dass sie manipuliert werden kann), ist für uns real, daran können wir uns orientieren. Wir halten für real, woran wir glauben, obwohl die Realität sich nicht um unseren Glauben schert.
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Sich auf etwas zu fokussieren – und dies ist es, was fotografieren ist – bedeutet, alles drumherum auszuschalten. Es ist vergleichbar der Aufforderung 'Konzentrier dich', was gleichbedeutend ist mit 'Lass dich nicht ablenken', doch recht besehen genau das ist: Ablenkung von dem, was ist. Stattdessen: Die Reduktion dessen, was ist, auf einen Ausschnitt, einen ziemlich beliebigen notabene, schliesslich könnte es auch ohne weiteres ein anderer sein.
Fotografieren heisst reduzieren; reduzieren ist, was wir dauernd tun (auch ohne Kamera), da die sich ständig verändernde Wirklichkeit zu viel für uns ist, wir damit überfordert sind.
So sehr uns das Fotografieren beim Fokussieren hilft, so sehr blockiert dieses Fokussieren unsere Wahrnehmung der Dinge, wie sie sind. Gleichzeitig zeigt uns dieses Fokussieren eine Welt, die wir sonst nicht sehen könnten. So paradox es klingen mag: Indem wir unseren Fokus einengen, weiten wir unseren Horizont.
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Denke ich jetzt zurück an meine Zeit in Japan und betrachte die Bilder, die ich dort aufgenommen habe, stellen sich automatisch ganz viele andere Bilder in meinem Kopf ein, die ich gar nie aufgenommen und doch irgendwie registriert habe. Und so sehr ich mich auch zu überzeugen versuche, dass diese Fotos einen „moment in time“ darstellen, so sehr ist mir auch klar, dass dem gar nicht so sein kann, da sich Augenblicke nun einmal nicht fassen lassen, da sie ausserhalb der Zeit liegen, zu deren Eigenheiten die Dauer gehört.
Betrachte ich jetzt diese beiden Aufnahmen, stellt sich automatisch die Zeit ein, denn ich sehe nicht nur diesen Augenblick, sondern noch ganz viele andere Bilder, die mich an meinen Aufenthalt erinnern. Dazu kommen noch ganz ganz viele weitere Bilder, die mit meinem damaligen Aufenthalt überhaupt nichts zu tun haben. Mein Hirn macht eben, was es will; es ist ausgesprochen selbstständig unterwegs und an meinen Hoffnungen und Wünschen offenbar wenig interessiert.
Nichtsdestotrotz: Für mich sind Fotos wesentlich Erinnerungsstützen. Dazu kommt: Wir können entscheiden, worauf wir unsere Aufmerksmakeit lenken. Das Fotografieren ist dabei ein guter Lehrmeister. Meine Erfahrung damit hat Dorothea Lange einst so ausgedrückt: „The camera is an instrument that teaches people how to see without a camera.“
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Schlagworte: Selfie, Selbstvergewisserung, Foto als Beweis, Fotografie als Entdeckungsreise, als Schulung des Sehens